Annahme verweigert

Autor: Julius Eschka, Berlin
Abstract: Satirische Darstellung um die »ordentliche« Beseitigung eines Verstorbenen.

Porträt

Porträt Julius Eschka

Karikaturist Julius Eschka, fotografiert von Ralf Gründer in seiner Berlin Wohnung am 22.08.2008.

Müssen sie denn immer ...

Nationalisten

Karikatur: TITUS [Julius Eschka].

Annahme verweigert

Gewidmet Dr. Christa Cordes

- Auf dem Weg nach Raguhn, maulte der Mann, der älter aussah, als er sein mochte, - auf dem Weg nach Raguhn, und wies mit der linken Hand auf den Aktenschrank.
Polizeiortssekretär Ganschiniecz blickte sorgenvoll auf seine Fingernägel hinab, unter deren Rand er die Spitze der Papierschere langzog – ein alter Trick, den Aussagenden zu ermuntern, zumindest ihm die Befangenheit zu nehmen.
- Mit dem Gespann wegen Maltersäcke, also ich mußte sie holen, nämlich der Zug blieb in Bobbau stehen. Aha, unfahrplanmäßig, wird wohl die Lok abgekoppelt jetzt, weil wo anderswo dringender benötigt, wohl in Halle, wo ein D-Zug wieder mal auf eine Lok wartet, die von Dessau kommen sollte, aber nach Wittenberg oder Weimar unterwegs ist, vielleicht auch nach Zwickau. Zeiten sind das. Oder nach Wladiwostok. Wie auch immer sein mag, war abgekoppelt. Und wurde mein Fuhrwerk herangewinkt. Tja, und lag da ein Mann auf dem Bahnsteig. Viele Leute drumrum, drumrum.
- War ein Arzt zugegen? Polizei?
-- Weiß ich nicht, Her Kommissar, - woher soll ich das wissen, gucke doch nicht hin, war um Maltersäcke, kann ich jetzt weiter?
- Handelte es sich um eine Leiche?
Ganschiniecz spitzte mit Andacht und mit der kleinsten Klinge seines Taschenmessers, das an einer Kette hing, die an der überflüssigen Schlaufe des Hosenbunds befestigt war, neben den Knöpfen der Hosenträger, einen seiner zahllosen Bleistiftstummel, die er zu lieben schien. Er sah den Fuhrmann immer noch nicht an.
- Kann ich nicht wissen, woher soll ich, woher soll ich.
Der Polizeiortssekretär richtete seine Magerkeit im Amtsstuhl auf, dehnte sie aus Amtswürde und Überforderung. Das KZ war ihm noch anzusehen. Im Rat des Antifablocks war er ebenfalls.
- Wer ordnete an, daß der leblose Körper vom Bahnsteig durch sie in ein Krankenhaus zu verbringen ist?
- Einer von der Streife, ein Rotarmist. Genauer einer von den beiden auf, nein nicht auf, mit Fahrrädern, wollten wohl radfahren erlernen, na und der eine mit der roten Armbinde schrie auf mich ein, karascho, dawaj, gospital! Also das war so:
die Leute, die um den Mann standen, der da lag, berichteten, der Mann hat im vollen Zugabteil einen Anfall bekommen, woraufhin der Schaffner den Eilzug anhalten ließ und mit paar Mann auf den Bahnsteig legte. Und sorgten dann die Iwans, damit der Eilzug weiterfahren konnte, jawoll, so wars.
Herr Ganschiniecz spannte umständlich ein Blatt Büropapier in die hohe Schreibmaschine mit der unechten Wichtigkeit eines Opernstatisten und begann mit einer Hand zu tippen: P r o t o k o l l
= = = = = = = =
Zufrieden lehnte er sich zurück und begann Zigarettenstummel aufzupolken und danach den Tabak von angesengten Krümeln zu säubern. Es sah wie Linsenlesen aus, denn er hatte den Inhalt eines kleinen Pappkartons auf die Schreibunterlage wie Pilze zum Trocknen ausgebreitet, um sie nach der Säuberung mit ausholenden Strichen seiner Handkante in eine Blechbüchse zu fegen, die er unter die Kante des Schreibtischs hielt, damit kein Krümel entgehe, wobei er Krümel des Radiergummis mitnahm vor lauter Kurzsichtigkeit.
Sie haben also den Mann auf ihr Fuhrwerk verbracht.
- Nicht doch, das waren die anderen.
- Wer? Wie lauten ihre Namen?
- Die Namen. Hab keinen gefragt. Steht unsereins nicht zu. Auf die Idee kam ich nicht. Wie sollte ich das bewerkstelligen? War Angelegenheit des Iwans, aber die hauten ab. Und Eilzug fuhr ab. Jawoll. Und ich mit dem Mann allein ..., stand ich nu da.
- War er tot?
- Tot? Wie sollte ich das ..., also ohne Bewußtsein allemal, jawoll.
- Mit anderen Worten, sie haben sich nicht vergewissert, ob besagte Person noch am Leben ist?
- Bin kein Sani, hat mir auch keiner was gesagt, daß ich ..., aber jetzt muß ich meine Malter ...
- Nun, durch Augenschein.
- Aha, Augenschein. Und wie wird das vorgenommen?
- Noch keinen Toten gesehen? Waren sie nicht an der Front? Nicht Soldat?
- War nur beim Volksturm, Herr Kommissar, aber außer dem Beschuß durch amerikanische Jabos war hier nichts los, keine Bomben auf die Werke, von Leuna abgesehen. Die haben was abgekriegt, aber nur eine Produktionshalle.
- Na schön. Sie haben die offenbar bewußtlose Person auf ihr Fuhrwerk geladen? Gab er Lebenszeichen von sich?
- Nein, hab nich aufgeladen, das taten wie gesagt andere.
- Sie fuhren los. Gab der Mann einen Laut von sich?
- Nein.
- Hat er sich bewegt?
- Das wohl. Und wie. Bei diesem Rütteln infolge des Straßenzustandes.
- Ich meine, bewegte er sich selbsttätig? Etwa einen Arm, ein Bein, den Kopf?
- Ist möglich gewesen, aber ich muß ja nach vorn gucken.
- Gut. Der Mann war bei ihnen aufgeladen, und ab ging die Post.
- Nein
- Nein?
- Nein. Wurde erst zugedeckt.
- Zur Gänze?
- Zur Gänze.
- Schön. Und ab zur Poliklinik Wolfen?
- Nicht doch, erst die Malter holen.
- Wie bitte? Sie fuhren mit dem Mann erst spazieren? Obwohl sie nicht wußten, ob er tot war? Das kann ein Nachspiel geben, Mann ...
- Nachspiel?
- Nun ja, gegebenenfalls wegen unterlassener Hilfeleistung, ja kam ihnen denn nicht der Gedanke, er könnte noch leben?
- Ich dachte nur, wird ich schon genug Ärger geben, weil es schon spät war.
- Über diesen Punkt reden wir noch. Schließlich lieferten sie ihren Mann in der Poliklinik ab.
- Nein.
- Nein?
- Ging nicht. Annahme verweigert.
- Mit welcher Begründung?
- Naja, die Poliklinik sei keine Friedhofshalle, hieß es, nehmen nur Kranke auf, nicht Tote.
- Wurde der Tod odnungsgemäß festgestellt?
- Kann sein.
- Durch wen?
- War da ein Mann in der Aufnahme, dann kam noch eine Schwester, guckte kurz unter die Pappe und ordnete an, zum Friedhof damit. Unsere Leichenhalle sei voll, die Leute sterben heutzutage wie die Fliegen. Jawoll.
- Wurde ein Totenschein ausgestellt?
- Nicht für mich. Meine, zu meinen Händen, nichts bekommen, keine Papiere.
- Und sie dachten sich nichts dabei.
- Doch. Papiere sind etwas für Lebendige, drüben hört Papierkram auf, das dachte ich ...
- Klarer Fall von Schlamperei, wenn nicht sogar von Unterlassung der Sorgfaltspflicht. Gut. Wer hat das zu ihnen gesagt?
- Was.
- Na die Anweisung „zum Friedhof mit ihm”?
- Keiner. Direkt keiner, nein, zu mir direkt keiner, eher vor sich hin.
- Sagten sie nicht soeben, sie hätten den Auftrag bekommen?
- Auftrag? Ich hatte nur einen Auftrag, wegen der Säcke Malter, das andere klang wie ein Befehl. Kann ich jetzt ...?
Ganschiniecz tippte mit dem Mittelfinger der linken Hand:
als -- in-di-rek-ten – B-e-f-e-h-l em-pfun-dene--An-we-i-sung ..., mit der rechten führte er die selbstgedrehte Zigarette zum Mund, sog gierig an ihr, wobei er das rechte Auge zukniff und ein schiefes Gesicht bekam.
- Das hätten wir. Die Person in der Aufnahme, würden sie die gegebenenfalls wiedererkennen?
- Glaub ich nicht, habe da nich näher hingesehen, war alles nich meine Sach.
Gut. Was war mit dem Friedhof?
- Ei gar nix. Da war keiner. Alles dicht. Verschlossen!
v-r-s-c-h-l-o-s-s-e-n vertippte sich Ganschiniecz, radierte pedantisch zehn Buchstaben aus, das etwas dauerte, und der Fuhrmann begann von einem Bein auf das andere zu treten, als müßte er pp oder als fröre ihm.
- Was taten sie, als niemand aufmachte?
- Ich machte mich auf, auf den Weg, zu Fuß, nachdem ich den Pferden Futter vorgegeben hatte. Ließ Fuhrwerk stehen und suchte nächstes Geschäft auf.
- Geschäft?
- Na ja, von wegen Erkundigung.
- Welches Geschäft war das, und welcher Art Erkundigung sollte es sein?
- Ist der Blumenladen für Trauergebinde und andere Anlässe. War auch zu. Und ging ich weiter zu Bäcker Frische, und mußte mich dort hinten anstellen, weil man mich nicht vorließ, das kennen wir, sagten sie, billiger Trick das mit „nur eine Frage” und hätte mir was besseres einfallen lassen sollen, als das mit dem Toten auf den leeren Maltersäcken und unter Pappe. So war ich nach zweiundzwanzig Minuten dran und hatte Glück, weil ansonsten die Schlange länger ist. Erfuhr, daß der Friedhofswart um die Ecke wohnt, wohl jetzt aber nich zuhause sein wird, aber er war dann zuhause. Na und er wieder: ich darf ihnen die Leiche nich abnehmen. Der Mann gehört nach Raguhn, Friedhof Raguhn, dort gehört er abgeliefert, weil er offenbar in Bobbau verstarb, und Bobbau gehört friedhofsmäßig zu Raguhn, da keine eigene Friedhofsanlage verfügt. Das ist gesetzlich so geregelt, und deshalb blieb mein Flehen ohne Wirkung, Gesetz ist Gesetz ...
Ganschiniecz nickte bekräftigend.
- und will auch nicht in Schwierigkeiten geraten.
Ganschiniecz nickte bekräftigend.
- Also Raguhn. Warum nicht gleich? Ist das nächstliegendste.
- Sagte ich doch schon: erst Malter von wegen Ärger.
- Offenbar befanden sie sich in einem Handlungsnotstand mit Merkmalen einer Überforderung. Und dort in Raguhn?
- Ein Pappschild:
Friedhof wegen Überkapazität geschlossen, und Friedhofswärter mit Beinprothese sagte, dicht. Ist nicht. Müsse ausweichen nach Dessau-Süd. Also ab nach Dessau Süd, wo festgestellt wurde, daß Zuständigkeit nich zuträfe, der Mann gehöre seiner Anschrift nach nach Bitterfeld, was außerhalb von Zuständigkeit von Dessau-Süd sich befände.
b-e-f-i-n-d-e, tippte der Polzeiortssekretär.
- Und in Bitterfeld?
- In Bitterfeld? In Bitterfeld bestätigte man mir, daß es sich um einen Bitterfelder handele, woll, er dennoch nicht entgegengenommen werden dürfe. Da war ich ganz schön sauer. Etwa weil er in Oschatz geboren wurde? Nein, belehrte man mich, weil die Sowjetische Kommandatura verfügt habe, ein Verstorbener muß unverzüglich am Ort seines Versterbens der Beerdigung zugeführt werden, und der Mann ist nun mal nicht in Bitterfeld zu Tode gekommen, wodurch der Anspruch auf einen Friedhofsplatz am Heimatort verwirkt sei, sagte er, und außerdem stünden Verfügungen der sowjetischen Administration über den Verordnungen deutscher Behörden ungeachtet ihres Datums ihres Eintritts ihrer Dauer ihrer Gültigkeit, hat er gesagt.
Also müsse ich den Mann zum Verbuddeln nach Bobbau bringen, was nicht möglich ist, weil Bobbau keinen eigenen Friedhof nachweisen kann, und Raguhn überfüllt ist, Dessau-Süd außer Zuständigkeitsbereich, weil alles seine Grenzen hat.
- Und somit sind sie wieder hier.
- Und somit bin ich wieder hier, und werde ich mächtig Ärger bekommen wegen meiner Maltersäcke, die dringend benötigt werden.
- Beruhigen sie sich, sie kriegen von mir eine Bescheinigung, daß sie dienstlich unterwegs waren wegen besonderer Vorkommnisse. Und jetzt gucken wir uns mal den Korpus deliktus gemeinsam an. Kommen sie ruhig mit, nickte er mir zu.
Statt einen Ausweis zu bekommen, stapfte ich hinter den beiden Männern auf den Hof. Unten zog der Herr Polizeiortssekretär das Stück Packpapier vom Gesicht des Toten.
Der Tote hatte den spitzbübischen Ausdruck eines, dem ein Schabernack gelungen ist. Er feixte fein. Ganschiniecz hielt ihm seinen Taschenspiegel vor den etwas geöffneten Mund, überzeugte sich zudem von dem Fehlen des Pulses, indem er wie eine Krankenschwester das Handgelenk zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und sagte, - der ist mausetot.
Der Kutscher nahm seine Mütze vom Kopf und fragte nach einer Weile stillen Gedenkens, -und was nun?
- Nun müssen wir den Leichnam anständig in die Erde bringen, wie es sich für einen Christenmenschen gehört, sagte der Kommunist, Mitglied des Rates des Antifa-Blocks des Unterkreises Wolfen und örtliche Polizeiortssekretär, während der Verblichene unter den Pappstücken in der Kälte vor sich hin grinste. In der überwarmen Amtsstube hockt sich Ganschiniecz hinter die Schreibmaschine. Er tippt lange und umständlich. Endlich verkündet er, wobei er sich bedeutungsvoll zurücklehnte:
Erklärung. Gemäß der Bestimmungen der sowjetischen Administration, laut der mir in meiner Eigenschaft als Vorsitzender der obersten Polizeiortsbehörde zugewiesenen Vollmachten und Entscheidungsbefugnissen, erkläre ich Aussetzen allgemeingültiger Verfügungen einzig und eigens für den Fall des verstorbenen Nitsche Edmund, wohnhaft zu Bitterfeld, Blumenthalstraße 9, von Beruf Dachdeckermeister a.D., geboren am 23.10.1882 zu Oschatz, verstorben heutigen Datums, insbesondere des Dekrets von 1935 bezüglich der Stadt- und Bezirksgrenzen und in dessen Folge die einzelnen Obliegenheiten bezüglich der Ermessenszuweisungen in Hinblick und Bezug von Angelegenheiten gemäß der Friedhofsordnung und verfüge unverzügliches Vornehmen der Bestattung zum nächstmöglichen Termin auf den Friedhof des Ortes, bzw. provisorische Aufnahme in die Warteschlange der zu Bestattenden. Todesursache oder Befund eines Amtsarztes wurden nicht erbracht und müssen umgehend nachgereicht werden. Angehörige sind zu ermitteln, ein Pfarrer seiner Konfession ist ggf. zu verständigen. Sollten Angehörige nicht zu ermitteln sein, gehen die Kosten der Bestattung zu Lasten der Gemeindekasse. Gez. Ganschiniecz Polizeiortskommissar.
Beim Herausholen des Dokuments drückte er sein Kinn gegen den Kehlkopf, wodurch ein faltendünnes Fünffachkinn entstand, und auch das Brustbein war hochgeschoben, als müsse der Adamsapfel in die Zwinge gebracht werden.
Dem zweiten Blatt gelblichen Papiers, Restposten von IG-Film, vor dem Einspannen zwinkernd mit einem Lächeln, fast Feixen verraten, das eine Fontäne von Faltenbündel radial aufspringen ließ, die reinste Faltenexplosion, widmete sich der Parteiortspolizeisekretär und Mitglied des Rates der Antifa penibel. Es sollte mein erster Ausweis werden. Es gab keine vorgefertigte Personalausweise. Gleich einem Druckbogen für Bücher mit dem scheinbaren Durcheinander von Seiten, die sich erst nach dem Schnitt und Falzen zu einer Seitenfolge sinnvoll ordnen, tippte Ganschiniecz auf DIN A4 ein Durcheinander von Daten, Platz für den Stempel, Stempelmarke, Unterschriften, Daumenabdrücke und Foto, um wie ein Zauberkünstler im Varieté einen Ausweis von DIN A6 kniffen und zu heften.
Ich besitze ihn immer noch in meiner Andenkensammlung.
Durch das Fenster der Amtsstube sah ich im Hof den Fuhrmann die Zuggurte des Geschirrs in die Deichselbügel des Gestänges einhaken.
Nachtrag 15 Jahre später.
Unerwartet besuchte mich Herr Ganschiniecz in Westberlin. Der Fundi mußte den Realos weichen. Er bat um eine Bescheinigung zur Erhärtung seiner Integrität.
Ich gab sie ihm gern.

gez. Julius Eschka

KARIKATUREN

TITUS [Julius Eschka]: Freundschaft

„Ich wollte doch nur Freundschaft sagen!”
Karikatur: TITUS [Julius Eschka]
Erstveröffentlichung: DIE WELT, 19.09.1968

TITUS [Julius Eschka]: Kopplungsmanöver

„Kopplungs-Manöver”
Karikatur: TITUS [Julius Eschka]
Erstveröffentlichung: DIE WELT, 12.01.1969

TITUS [Julius Eschka]: Bahr-Keeper

„OST-POLITIK” - Bahr-Keeper
Karikatur: TITUS [Julius Eschka]
Erstveröffentlichung: BZ, 11.07.1973

TITUS [Julius Eschka]: Stalinisten

„Stalinisten” - DUBCEK - Breschnew
Karikatur: TITUS [Julius Eschka]

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