Der kleine Bruder

Autor: Julius Eschka
Abstract: Der Protagonist vergisst seine Urlaubsliteratur [Juri Walentinowitsch Trifonow] auf der hinteren Ablage im Auto und fährt wohlgelaunt in den Kontrollpunkt Drewitz hinein.

Porträt

Porträt Julius Eschka

Karikaturist Julius Eschka, fotografiert am 22.08.2008 von Ralf Gründer in seiner Berliner Wohnung.

ich könnte Meilenweit gehen ...

Meilenweit

Karikatur: TITUS [Julius Eschka].

Der kleine Bruder

... aus der Reihe Grenzfälle

Vorbei ist die Zeit der Außenseiter, der Individualisten – man hat IN zu sein. Bis heute suche ich die oder den Impulsgeber. Es bedarf der Anerkennung durch Einhalten von Vorgaben, als unbedingtes Muß deklariert. Bis hin zur Literatur geht das. Klassiker sind Grass und Gorkij, wohingegen Böll und Kishon zurückgefallen würden. Wen kümmert Hamsun oder Benn? Döblin und Dostojewskij? Wer im Westen las schon Trifonow [Juri Walentinowitsch Trifonow]? Hasek [Jaroslav Hašek] wohl schon eher, und na­tür­lich Kundera [Milan Kundera]. Wenigstens kurze Zeit. Und den Hrabal [Bohumil Hrabal]? Und den Nobel­preis­träger Jaroslav Seifert?
Warum wurde Wolfgang Koeppen in den Hintergrund verschoben?
Brauchen Sie einen Kick? Hier ein Rezept:
Fällt der Name Thomas Bernhard (kann auch ein beliebig anderer sein, aber einer der gerade In ist), ziehen Sie eine Augenbraue hoch, ja nicht beide, und besonders dann nicht, wenn Sie oberhalb ihrer Augen wie der ehemalige Finanzminister aus Bayern, na wie hieß er schnell, also der mit nur einer Augenbraue und dessen Nachname leicht mit der Eselsbrücke „Schauspielerin eines Dramas von Brecht” in Erinnerung gehievt werden kann, also eine Augenbraue hoch und dann mit Pokermiene: Bernhard? Noch nie gehört, mit T oder mit D, oder gar mit DT??
Garantiert, sofort sind Sie Mittelpunkt, Stichpunkt des Kreises, Albino der Intellektuellniederung. Genießen Sie das Sinken Ihres Ansehens bis an die Grenze der Ausbürgerung, gar Aussonderung, wie in der Natur mit Albinos meist verfahren wird. Genießen Sie nicht zu lang, Sie dürfen den Zeitpunkt Ihres Absprungs nicht versäumen. Mit der Naivität einer Achtjährigen (früher Dreizehnjährigen) gilt es am Kulminationspunkt der Stille zu flöten, bitte nicht zu laut:
aber, haben Sie schon den neuen Buzzati…,
Abgesehen davon, daß es keinen neuen Buzzati, Sie können auch juxhalber Buzzatini sagen, gibt, und vielleicht von einigen als eine Automarke gehalten werden kann, eignen sich testhalber auch andere Namen, wie Saroyan oder Rasputin. Was?! Der Rasputin hat auch geschrieben?
Ihr Aber darf nicht zu früh und nicht zu spät kommen, Nerven behalten, und dann zwar leise, jedoch mit fester Stimme, damit es stehe wie ein Priel in unruhigem Gewässer. Pasternak war nur noch midi-In, Scholschenizyn war wie ein Hefeteig am Aufgehen.
Ich nahm mir vor „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch” im Urlaub zu lesen, legte es auf die Hutablage neben die „Deutschstunde” von Lenz, dachte nicht an die DDR und Drewitz, der Kontrollstelle.
Damit keine Aggression wegen der schleppenden Abfertigung sich hochrecken könne, begann ich den Klappentext der „Deutschstunde” zu lesen. Endlich waren wir dran.
Führen sie Waffen, Munition, Funkgeräte mit sich?
Nein.
Haben sie Druckerzeugnisse mit?
Nein.
So? Und was ist das dort?
Wo?
Nu, hint´n!
Ach das – sehen sie doch, Bücher ...
Nu. Sind das etwa keine Druckerzeugnisse?
So gesehen schon. Ich dachte bei ihrer Frage mehr an Zeitungen, Zeitschriften und so ...
Was sie dachten ist unerheblich, Druckerzeugnisse sind Druckerzeugnisse, deren Besitz sie auf meine eindeutige Frage in Abrede gestellt haben. Demnach gaben sie wissentlich und vorsätzlich eine Falschaussage und haben den Tatbestand der Verletzung der Bestimmungen der staatlichen Organe der grenzüberschreitenden Verkehrskontrolle der Transitregelung zwischen DDR und BRD erfüllt.
Scheiße, dachte ich und sagte, aber von Vorsätzlich kann wirklich keine Rede sein.
Vorsätzlich ist eine juristische Floskel, wie sie eigentlich wissen könnten, und ohne entsprechenden Belang für sie.
Wieviel?
Was wieviel?
Ich meine, wieviel muß ich jetzt Strafe zahlen?
Alles der Reihe nach, fahren sie rechts ran und dann nach vorn zum Schuppen und schalten sie dort den Motor ab.
Ich fuhr vor den Schuppen und schaltete den Motor aus. Roswitha neben mir sah betont geradeaus. Der Vopo kam hinterher, ohne Eile, wie eine Krähe, die ihrer Beutemaus schon sicher ist. Angriff ist die beste Art der Verteidigung, dachte ich.
Hören sie, sie sehen doch selbst, daß auf der Hutablage ein offenes und ein geschlossenes Buch ...
Sie müssen mir nicht sagen, was ich zu sehen habe. Haben wir neben den beiden Büchern noch weitere Druckerzeugnisse im Fahrzeug?
Nein. Halt! Einen Autoatlas.
Davon werden wir uns gleich im Schuppen überzeugen. Aber zeigen sie erst die beiden Bücher.
Siechfrid Lenz. Deutschstunde. (Er hielt das Buch wägend wie Baumaterial in der Hand) Was ist denn das für einer? Nationalliteratur? Oder Grammatik?
Weder, noch. Bedeutender Schriftsteller. Gegen Faschismus.
Ganz schön schwer. Und das andere Buch, auch von Lenz? Zeigen sie es her.
Ich zeigte. Folienverpakt.
Machen sie auf.
Sie dürfen das von mir aus selber tun (meine zitternden Hände sollte er nicht wahrnehmen).
Darf ich nicht. Ich sagte klar, machen sie die Verpackung auf.
Ich machte. Er übernahm es mit spitzen Fingern wie eine am Tatort gefundene Waffe. Der Stau zähflüssiger Mehrspurigkeit, die sich im Bereich der Kontrollstelle tubatrichtergleich aufspleißte, reichte bald bis zum Zehlendorfer Kleeblatt, doch er schlug wie ein Pastor das Evangelienbuch auf, blätterte, blätterte, blätterte, und die Zeit näherte sich ihrem Stillestehen, und an seiner Schulter vorbei sehe ich die Zahl der aufgeschlagenen Seite, die 38, und er liest halblaut vor sich hin:
... in Abständen vorwärts, so daß man sie von hinten wie von vorn gleich gut sehen konnte: fünf Köpfe, fünf Rücken, fünf Paar Beine. Der zweite Wachposten steht schweigend an der Absperrung, er kontrolliert noch einmal die Zahl, ob die Zahl stimmt. Und ein Leutnant steht daneben und sieht zu. Das ist die Lagerkontrolle. Ein Mensch ist wichtiger als Gold. Wenn hinter dem Stacheldraht auch nur einer fehlt, kommst du selber ins Loch. Die Brigade ...
Tausend Nadelspitzen Schauer sausten mir den Rücken hinab und hinauf, jetzt bin ich geliefert, warum habe ich bloß so unüberlegt ..., ich könnte mich in den Boden schlagen und abstolpern lassen, und der Grenzbeamte blättert um und liest, nickend und fast buchstabierend, gedämpft,
... der Brigadier ist im Lager alles. Ein guter Brigadier schenkt dir ein zweites Leben, ein schlechter bringt dich unter die Erde ...
Langsam blätterte der Vopo weiter, als suche er ein Wort, einen Angelhaken, ein Signal zum Fündigwerden, zum Fangschuß. War es die Seite 311?
Iwan Kapitanowitsch Gratschikow liebte Kriegserinnerungen nicht, erst recht nicht die eigenen. Und zwar deshalb, weil er im Krieg Schlimmes scheffelweise und Gutes nur tröpfchenweise erlebt hatte ... Und ebensosehr litt er darunter, wenn man fast zwei Jahrzehnte nach dem Krieg noch mit militärischen Ausdrücken um sich warf.
Der Grenzbeamte klappte das Buch zu.
Worüber nicht alles geschrieben wird.
Ich wagte nicht hochzublicken. Auch nicht wegen Roswitha, in deren Augen das Konzept ihrer Vorwürfe aufgezogen war, während Andreas mit seinen sieben Jahren das alles spannend offenbar fand.
Wer ist der Autor? Scholl…tschä…nie…nji…siin..., Russe?
Ich nickte.
Ou, kuut. Nehmen sie wieder hinter dem Steuer platz.
Wir durften weiterfahren.
gez. Julius Eschka, Berlin.

Karikatur CTON!

TP - Tarantel Press 1961

TITUS [Julius Eschka] für TP [Tarantel Press], 1961.

TITUS

«NASCHE OOSCHTSCHEE DELO» A Pub­li­ca­ti­on of the A­mer­i­can Com­mit­tee for Li­be­ra­ti­on, Nr. 20 (132) Ok­to­ber 1961, Post­la­ger­ungs­ort Mün­chen
Ka­ri­ka­tur: TI­TUS [Ju­li­us Esch­ka] für TP,

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