Der Sichtweise

Karikaturist TITUS (Julius Eschka) besucht Wolfgang Neuss
Abstract: Zwischen einem Berg aus

Wolfgang Neuss - Der Sichtweise

Der Sichtweise WOLFGANG NEUSS im Focus des Karikaturisten TITUS. © [RM] Julius Eschka, Berlin.

Die Wohnungstür war nur angelehnt, jeder hatte jederzeit Zutritt zu ihm, keiner musste klingeln, alle waren willkommen, selbst die Polizei, die in Abständen kam, um die Haschportionen einzusammeln oder den Drogenkonsumenten zum Vorführen abzuholen, weil vor dem Gesetz, wie es heißt, alle gleich sind. Tatsächlich? Im Fall Neuss begann die Farce mit dem Ritual der Beamten, die laut Dienstanweisung sich wie ein Flussdelta in der Wohnung rasch verbreiteten, eine Durchsuchung vornahmen, obschon nichts zu suchen war, alles lag offen da.
Wolfgang Neuss konnte kein Schuldgefühl aufbringen, denn tatsächlich sei Alkohol gefährlich und volkswirtschaftlich ein Problem, der Schaden durch seinen Genuss im Übermaß könne weder das Bemänteln der Steuereinnahmen, noch Glorifizierungen bis hin zu den schlagenden Studentenverbindungen mit ihrem Kürzel Suff = Männlichkeit verneinen.
Wenn die Beamten in die Lohmeyer Straße 4 in Charlottenburg kamen, wurden sie zu einem Joint eingeladen. Dem Beginn des Ad-absurdum-Spiels folgte das Vorführen im Gericht, das schließlich in eine Hauptverhandlung mündete. Sie geriet trotz des Übermaßes an Geduld der Richterin zu einer Stadtposse zum Jubel der lüsternen Boulevard-Presse. Jeder Termin brachte eine Titelseite mit einschlägiger Schlagzeile.
Vor der Urteilsfindung wurde dem vormaligen Filmstar und Kabarettisten eine goldene Brücke gebaut: bei Reue eine Strafe auf Bewährung. Mit treuherzigem Blick versprach Neuss weiteren Konsum von Hasch. Solle er heucheln? Das könne kaum im Sinne der Justiz sein.
Der Vollzug der Haft musste dennoch ausgesetzt werden, denn kein Gefängnis wollte ihn haben. Das Spiel mit der Obrigkeit war eine Schwejkovina reinster Art. Als i-Tüpfelchen konnte das gemeinsame Auftreten mit Bundespräsident von Weizsäcker in einer Talkschau im ersten Stock des Cafés Kranzler am Kudamm-Eck gelten. Wohl zum einzigen Mal in seiner Amtszeit verlor „Ricci” seine vornehme Haltung und fuhr aus seiner Haut.
Auf dem Weg in die Lohmeyer Straße war ich verkrampft, denn das war ich immer beim Erwarten von Unvorhergesehenem, wozu auch meine Reaktion zählte. Konrad Jule Hammer, Galerist, Aktionskünstler, Freund und Förderer und auch Textlieferant von Neuss, es sei nur an den Mann mit der Pauke erinnert, hatte mich auf dem Hinweg lediglich gewarnt, Neuss habe diebisches Vergnügen am Hineinlegen von Gesprächspartnern.
Neuss wies mir einen Stuhl zu, der wie nach einer Räumung vergessen im nahezu leeren Wohnraum emporragte und an eine Probebühne erinnerte, er selbst hockte hinter einer Art Couchtisch mit Altarcharakter, denn die Tagesportionen Cannabis waren in einem offenen flachen Bogen penibel vor ihm gereiht, und vor einer Wand wie eine Collage, zusammengesetzt aus Zeitungsausschnitten und Postkarten. Kein Zweifel, der Mann zelebrierte sich selbst.
Jule stellte mich vor und nannte den Zweck meines Aufkreuzens, nämlich den Versuch einer Karikatur unüblicher Art, genauer: eine, die sich nicht mit der Übertreibung von Äußerlichkeiten begnügt, überließ mich meiner Mission und eilte zu einem seiner nächsten Termine, die den Tag zustopften, selbst seine Trauung mit Irene, der zweiten Offiziellen, verlief so und er erbat sich vom Standesbeamten den Verzicht auf die übliche Ansprache – Irene nahm es mit Humor, das ist eben Jule, sagte sie, und deshalb habe ich ihn auch geheiratet.
Neuss’ erste Frage, ob ich tränke, schloss sich der freundschaftliche Rat an, die Finger vom Alkohol zu lassen, das sei ein Teufelszeug und richte bedeutenden Schaden in zweierlei Hinsicht an: erstens schade es dem Körper und zweitens der Volkswirtschaft. Er belegte die Behauptung mit Zahlen aus Statistiken.
Unser Gespräch war wie das Fortführen eines abgebrochenen, meine Beklemmung wich dem Gefühl der Gelassenheit alter Bekannter, wobei mich einiges verblüffte. Anscheinend hatte Neuss die Fähigkeit des Gedankenlesens und offenbar hatte der lange Genuss von Hasch und Härterem seinem Gehirn gewiss nicht geschadet. Der Mann spricht ja druckreif, dachte ich, und er nahm den nicht akustisch umgesetzten Gedanken auf, um ihn dem Gesprächsfaden einzugliedern.
Äußerlich wie ein Bemühen um Überschreiten des Verfallsdatums, wobei er durch den Verzicht auf Zahnersatz und Haarschneiden zwar ungepflegt wirkte, es nicht war, auch die Wohnung war vorzeigbar, gebärdete sich sein Intellekt antipodisch durch die stets wache Präsenz und Schnelligkeit im Abrufen von Lotungen seiner Gedanken, gepaart mit sprungbereiter Kampfbereitschaft der Argumente, die Oberflächliches umgingen, lieber in die Tiefen stießen, wo sie sich wie von selbst aufzulösen schienen durch das Aufspüren und klarem Definieren neuralgischer Punkte. Von ihm war nie zu hören: das lasen wir mal so im Raume stehen....
Beim Zeichnen lässt sich unbemerkt das „Opfer„ wunderbar wie Seiten eines Buches aufblättern, lässt sich die Schutzmaske behutsam anheben und der verwundbare Teil erkennen, deshalb ist das Spaziergehen in Gesichtern stets ein Erlebnis und aufschlussreich durch die dabei sich ergebenden Erkenntnisse.
Was mag diesen einst so frischen Burschen derart verändert haben, derart umgekrempelt haben. War ihm ein Blick hinter das Verschleierte Bild von Sais gewährt worden? War das, was er seiner Umgebung optisch bot, ein Ergebnis von der Konfrontation mit Grundsätzlichem, dem Unerträglichen, das eine Ablenkungsindustrie zum Weiterleben nötig macht?
Ich bemerkte Spuren von Kaskaden an Enttäuschungen, von Fähigkeiten zu Herzlichkeit, gleichzeitig von Begehren nach Verwunden und einer gespaltenen Lust an Hass und geliebt werden, nach Rächen mit Überlagerungen von Erbarmungslosigkeit.
Nicht wie zur Entschuldigung, vielmehr wie zur Erklärung begann er von seiner Mutter zu berichten und vom plötzlichen Tod seines Lebenspartners Wolfgang Müller durch den Flugzeugunfall, den beiden Polen seines Daseins, die zwar gestorben, jedoch nicht tot sind. Wären sie es, könnte er sich doch nicht mit ihnen ununterbrochen unterhalten.
Mitten im Satz sprach er abrupt zur Küchentür halbrechts, als wäre jemand in der Tür erschienen, den ich nicht wahrgenommen hatte, und automatisch wandte ich meinen Kopf in diese Richtung, so überzeugend hatte Neuss zu dem Imaginären gesprochen, kein Schauspieler hätte die Täuschung, die möglicherweise keine war, bringen können.
Hatte er mich lediglich hineingelegt?
Ohne Konzept war eine Karikatur entstanden in der Art des Effekts Aus-Eins-mach-Zwei, den man beim Halten eines Fingers nah vor dem Gesicht bei Beibehalten der Ferneinstellung der Augen erstellen kann, nur mein Neuss war zu vier Köpfen auseinander geschwommen, wobei sich zwei Augen auch deckten, so dass die vier Köpfe zusammen ohne ein Verlustempfinden sieben Augen hatten. Das ergab auch den Titel „Unter Sieben Augen”. Neuss sah sich die Zeichnung genau an, die Milde einer Väterlichkeit zog wie eine Karawane über sein Gesicht und er murmelte: das fehlende achte Auge, da ist was dran.
Jule Hammers Kommentar nach kurzem Blick auf die Zeichnung lapidar: nicht zu fassen.
gez. Julius Eschka, Berlin.

Karikatur CTON!

TP - Tarantel Press 1961

TITUS [Julius Eschka] für TP [Tarantel Press], 1961.

TITUS

«NASCHE OOSCHTSCHEE DELO» A Pub­li­ca­ti­on of the A­mer­i­can Com­mit­tee for Li­be­ra­ti­on, Nr. 20 (132) Ok­to­ber 1961, Post­la­ger­ungs­ort Mün­chen
Ka­ri­ka­tur: TI­TUS [Ju­li­us Esch­ka] für TP,

...