DON DICK

Gedächtnisprotokoll – Homage an Dr. Tondik Eschka

Gewidmet Ruth Esther Rossard

Porträt

Porträt Julius Eschka

Karikaturist Julius Eschka, fotografiert von Ralf Gründer, 22.08.2008, Berlin.

»No comment«

No comment - Sans Parole - Sin comentario - Sem legenda

" - - - - " No comment - Sans Parole - Sin co­men­ta­ri­o - Sem legenda. TP [Tarantel Press], HZ 7/ - 45, Karikatur: pero [Julius Eschka]

DON DICK

Gewidmet Ruth Esther Rossard

Bei Forbach gleich hinter der Grenze nahe Saarbrücken, gäbe es ein Restaurant mit tschechischer Küche, verkündete beim Frühstück mein Bruder Tondík, wir fahren mal hin. Vor Freude über tschechischen Besuch, komplimentiert Herr Hadima die beiden Pastistrinker hinaus, schließt die Lokaltüur und hockt sich zu uns. Und dann wird erzählt, zuerst er, dann mein Bruder. Über uns an der Wand verkündet die weiße Mütze und ein Säbel und Orden von der Zeit Hadimas als Fremdenlegionär. Für viele Tschechen war die Legion eine letzte Zuflucht. Sie wurden ebenso gnadenlos verheizt wie jene der Französischen Legion des Ersten Weltkriegs.
Pán Hadima war in der Fremdenlegion Fallschirmspringer, sprang noch heute aus Sport und zusammen mit seinem Hund, den er von klein an daran gewöhnt hatte wie das Rauchen. Ein Wirt sieht anders aus, Pán Hadima konnte eher ein Extrem-Bergsteiger sein. Er machte uns einen Kalbsrollbraten, den er mit zwei Schnitten übers Kreuz vierteilte. In der Bundesrepublik konnte er sich nicht mehr sehen lassen, weil, seinen Worten nach, ein Grenzer sich faschistisch geäußert hatte und eine passende Antwort bekam. Es war kein Honigschlecken bei der Legion. Wäre unser zweiter Präsident nicht nach London desertiert, hätten wir für uns und nicht für die Franzosen kämpfen können ...
Hadima streicht nach Art der Araber mit beiden Handflächen über sein Gesicht wie beim Waschen, nimmt einen Schluck Bier.
Das nennt sich Bier ..... Aber das KZ muß schlimmer gewesen sein, auch wenn Jáchymov nicht mit dem Gulag zu vergleichen ist, schon gar nicht mit denen des Dritten Reichs.
Auch Tondík, mein Bruder, tat einen Schluck. Ich habe sieben Jahre in Jáchymov (1) zugebracht.
Von 1950 bis 1957. Man kann nicht sieben Jahre deprimiert sein. Mir half in dieser Zeit, daß ich in bester Gesellschaft war. Professoren, Künstler, ehemalige Direktoren und solche, die sich zu arrangieren nicht bereit waren, wir waren keineswegs der Abschaum, wie man beim unseren Anblick denken hätte können wegen unserer Gefängniskleidung. In der ersten Republik wußte jeder, daß in einer solchen ein Verbrecher steckte. Heute laufen viele Ganoven in Zivil. In gewisser Weise fühlte ich mich im Lager wohler, als draußen unter den Mitläufern oder Arrangierten und den Hajseln (hajsl ist ein im Tschechischen verballhorntes deutsches Wort, das es gar nicht gibt. Gemeint ist einer, der im Häusel sitzt. Es ist ein Schimpfwort, das Verachtung beinhaltet).
Neben dem Verlust meiner Praxis in der Opletalové verlor ich auch meine Familie. Meine Frau Jarmilka mußte sich von mir offiziell auch wegen der Zukunft unserer Tochter Dascha distanzieren. Unser Sohn Jiri war als Baby an Darmverschlingung gestorben Ihm blieb viel erspart. Ich verlor schlicht alles. So war das nun mal. Auch der Freundeskreis war futsch. Ein neuer bildete sich. Und wir wurden tätig.
Das Lager war hermetisch geschlossen. Dennoch gelang uns eine Verbindung mit München herzustellen. Auf zwei Wegen sogar. Man kam nicht dahinter, woher die taufrischen Nachrichten nach außen gelangen konnten. Von uns vermochte das keiner. Wer kommt unkontrolliert in und aus dem Lager? Nun, einzig unser Lagerkommandant. Er hatte ein Buch mit den täglichen Eintragungen bei sich, das er für kurze Zeit in der Eingangsbaracke deponierte. Sie lag innerhalb der Sicherheitsanlage und mußte deshalb nicht extra bewacht werden. Zwischen Buchdeckel und Buchumschlag brachte der Lagerkommandant auf einem zwischengeschobenen Papier die Neuigkeiten höchstpersönlich nach außen.
Hadima serviert den Kalbsrollbraten und die Noky, vierteilt den Braten mit einem Kreuzschnitt und erzählt von seiner Odyssee über die Fremdenlegion. Wir sind eine Elite von Anfang an. Wo geht es demokratischer zu, no? Jeder fängt als Legionär 2 an. Jeder. Und er kann Karriere machen, wenn er intelligent und fleißig ist. Das Gefasel von der demokratischen Bundeswehr ist Blödsinn. Qualität beruht auf unbedingtem Gehorsam. Das Demokratische bei uns ist die Chancengleichheit und die persönliche Wahl der Anonymität. Ob du als Adliger zur Legion möchtest oder als gesuchter Krimineller, du mußt dieselben Prozeduren durchlaufen. Es ist wie bei einem Orden. Nur, du kannst dich jederzeit ausmustern lassen. Aber wer tut das schon. Wer verzichtet schon auf freie Kost, Logis, Kleidung und die Altersversorgung, die beträchtlich ist, ebenso der monatliche Sold, den du bar auf die Hand bekommst, keine Abzüge. Die Krankenkasse wird dir auch bezahlt. Und du bezahlst mit deinem Einsatz und oft mit deinem Leben. Ich war in Indochina und in Nordafrika. Unsere Verluste waren beträchtlich. Weiß Gott. Zwei Dinge darfst du nicht dem Feind überlassen, koste es, was es wolle:
deine Waffe und deinen Kameraden, ob lebendig oder tot. Und du darfst keinen Haß auf deinen Feind aufkommen lassen. Du mußt stets die Genfer Konvention einhalten. Ob es eingehalten wurde? Wichtig ist das Konzept. Jedoch niemand kann unsere Basis, Gehorsam, Ehre und Kameradschaft, mit Eliten anderer Länder vergleichen, wo Menschen erst mal gebrochen werden müssen, um als Roboter zu funktionieren. Uns mußte keine Ideologie übergestülpt werden. Wir waren Söldner. Und wenn du gut bezahlt wirst, bist du motiviert.
Dem Getöteten ist es wurst, ob die Kugel aus dem Gewehr eines Fanatikers, eines Mitläufers oder Söldners kam, sagte Tondík.
No, zugegeben, einfach ist das nicht, wenn der Tötungsrausch so über dich kommt. Aber ohne einen solchen läßt sich dein Auftrag nicht erfüllen. Dafür verstanden wir zu feiern. Und wie. Ein Schwerpunkt war unser Gesang. So muß man sich die Hussiten vorstellen. Es kam vor, daß beim Ertönen des Die-ihr-Gottes-Streiter-seid die Kaiserlichen zu zittern begannen. In der Schlacht bei Domazlice, herich, kam es noch nicht mal zum Waffengang. Die liefen einfach davon, obschon in der Überzahl und ohne Rüstung. Eine solche konnten sich die armen Leute von Tabor seinerzeit nicht leisten.
Es ist seltsam, bei deinem ersten Toten wird dir flau. Allmählich baut sich das ab, und du mußt aufpassen, daß es nicht ein Vergnügen wird, daß in dir kein Überlegenheitsgefühl aufkommt. Hej, ich bin flinker, stärker, schlauer. Kamerad, wir hatten die gleichen Chancen. Muß Gewohnheit bleiben. Wie unser berühmter Marschschritt. 88 Schritt pro Minute gegenüber den in der Armee gebräuchlichen 120. Die 88 haben sich als optimal beim Marschieren im Wüstensand erwiesen und hast du im Blut, habt ihr sie nicht bemerkt, als ich mit dem Braten aus der Küche kam? Es waren harte Jahre in der Legion. Trotzdem fühlten wir uns wie in einer Familie. Es war uns freigestellt einen Beruf zu erlernen. Für die Bildung wird viel getan. Kein Legionär wird ihm fehlende Worte durch Zucken einer Schulter ersetzen.
Nicht beim Erzählen von seiner Mutter, beim Erinnern an Praha kommen diesen herben Mann Tränen, kontrastieren zu seiner Erscheinung, er entläßt sie ohne Eruption über seine ledergleichen Wangen, preßt nur die Augenlider wie Ventile zusammen.
Hadima wünscht nicht fotografiert zu werden, wie er mit einer Zigarette unter seinem an der Wand befestigten Winter-Képi (blau mit rotem Deckel, die Sommer-Képi sind ganz weiß) sitzt, seinen Hund dagegen darf ich beim Rauchen fotografieren.
Wir essen in Frankreich nahe der deutschen Grenze böhmische Küche.
In den Pausen des Zuprostens und intensiven Kauens flockten Mitteilungen von Konfrontationen mit dem Kommunismus. Pán Hadima war in der Ersten Tschechoslowakischen Republik Mitglied der KP, die nichts gemein hat mit den späteren Aufgüssen stalinistischer Prägung. Eigentlich wurden wir in die Pfanne gehauen, unser Idealismus schmachvoll verraten. Was solls, dann kamen die Deutschen des Dritten Reichs. Na denn prost! Vieler einziger Ausweg war die Flucht, so sie konnten. Zum Glück gab es die Legion. Tschechen nahmen sie gern, hatten noch einen guten Ruf aus dem Ersten Weltkrieg. Prost!
Waren zur Zeit ihres Einsatzes in Indochina die Kommunisten bereits präsent?
Man konnte sich den Einsatzort nicht aussuchen. Man hatte sich zum unbedingten Gehorsam verpflichtet. Natürlich gab es unter den Kameraden Diskussionen, Prost! Viermal davonzulaufen, konnte sich nur Hasek, der Jaroslav, leisten, die Zeiten waren vorangeschritten. Die Realität metamorphosierte.
Pán Hedima kredenzt Rotwein. kein melniker. no jo, französischer....
Tondík blickte leicht belustigt, jeder von ihnen ein Sparafucile:
der Narr bezahlte, treu muß man ihm sein.
Über die nahezu kollektive Scheu vor dem Berichten persönlicher Erlebnisse in einem KZ bin ich bei meinen Recherchen auf keine wissenschaftliche Abhandlung gestoßen. Als schäme man sich der Zuordnung zum Untermenschen. Demgegenüber war in den Jahren nach dem Krieg das Wort Mitgemacht von einer auffallenden Hartnäckigkeit. Nicht im Sinne von Beteiligung an Aktionen und Verbrechen, vielmehr von Erdulden und Ertragen von Mißgeschick und Mühsal. Keiner bedauerte die Untaten des Regimes. dem das Billigen hinzugerechnet werden kann (Mahatma Gandhi: Wer Unrecht schweigend hinnimmt, macht sich mitschuldig), obschon die Furcht vor dem Widerfahren dessen, was man „dem Russen„ angetan hat, ein Beweis eigener Kenntnis der Verbrechen ist. Das Selbstbemitleiden löste die erste Welle ab, die Freßwelle. Ihr folgten die Autowelle, die Urlaubswelle, die Wir-sind-wieder-wer-Welle, die Farbfernseh- und die Handywelle. Dem Mobilgerät ist das Verlagern der Inhalte von der Vergangenheit auf die Gegenwart zu danken. Ich bin jetzt in der U-Bahn, teilt heutzutag ein Fahrgast dem Angerufenen wie seiner Umgebung im Wagen, die dem nicht entgehen kann, vielmehr zur Gesprächsteilnahme verdonnert ist, die Wichtigkeit des Geschehens mit.
Mein Bruder sprach, sofern er dieses Kapitel seines Lebens nicht umging, lieber von den grotesken Begebenheiten, die bei der Kombination von Tätern/Opfern zwangsläufig entsteht. Unseren Aufsehern bis hinauf zum Lagerkommandanten war das Vorstellen einer Funkanlage innerhalb des Lagerkomplexes nicht möglich. Das Anpeilen führte zwar zum Punkt der Antennen, jedoch an ihm vorbei, weil die Drahtverspannung einer Esse keinen Verdacht erregen konnte.
Vergnüglich erzählte Tondík von dem wohl einmaligen Vorfall eines Begehrens ins Lager zu gelangen. Normalerweise war das Einliefern gefürchtet und zwar mit Recht. Prof. P. vermochte sich derart auf sein Rechnen zu konzentrieren, daß er die Umgebung vergaß, alles Erforderliche quasi mechanisch vollzog, selbst das Löffeln der Suppenration. Auch das Arbeiten. Vermutlich bestanden sogar seine Träume aus mathematischen Reihen.
Bei einem Außeneinsatz, es gab tatsächlich derartige, Fliehen war zwecklos, denn keiner würde wagen, einen KZler aufzunehmen, verstecken, gar zu verpflegen, hatten ein Trupp von Häftlingen neben der Straße eine Rinne zu graben. Man ließ Prof. P. an der Spitze hacken. Er grub und grub und hörte nicht das Kommando „Arbeit einstellen”. Schließlich merkte er, daß man ins Lager eingerückt war, und machte sich allein auf den Rückweg. Am Lagertor widerstand der den Versuchen des Zurückscheuchens, denn er hatte Hunger und fror. Ihn beeindruckte auch nicht das Anheben der Maschinenpistole, im Gegenteil, das bekräftigte nur sein Flehen um Einlaß.
Inzwischen war beim Durchzählen der Arbeitskommandos sein Fehlen festgestellt. Die Alarmsirene ging an. Das gilt mir, flehte Prof. P. bis ein Jeep kam und er abgeführt wurde. Sein Verhör und das Anfertigen des Protokolls dauerte und dauerte. Inzwischen hatte es Nachtmahl gegeben. Prof. P. kam nicht mehr zum Empfangen seiner Ration. Ging mit noch größerem Hunger zu Pritsche.
Übrigens, mit der Eskalation des Kalten Krieges wurden die Essensrationen durch die tschechischen Erfüllungsgehilfen etwas erhöht, denn die Sowjets forderten immer größere Mengen an Uran. Das bedeutete auch eine Verbesserung der ärztlichen Vorsorgung, das bedeutete für mich auch der Wechsel vom Unter-Tag-elektrische-Leitungen-Verlegen zum Pillen-Ausgeben in der Krankenstation.
Das bedeutete auch das Senken des Krankenstands auf Anordnung von Funktionären, auf die die Viren husteten. Der Zwang zum Verletzen des Berufsethos eines Arztes war belastend, unten in den Stollen war es angenehmer - und wärmer. Es ist nicht schön, um Krankschreibungen zu feilschen und zu tricksen. So war der Zustand der Zähne katastrophal. Die Häftlinge bekamen ja kein Zahnputzzeug. Dieses anzufordern war sinnlos.
Also erklärte ich den Versammelten einer Instruktionsstunde die Wechselwirkung von Zähnen und Verdauung und Erhalten der Arbeitskraft, wobei ich sie heftig rügte wegen ungenügender Zahnhygiene. Paar Tage später hatte jeder seine Zahnbürste. Natürlich hatte ich sie zuvor heimlich darauf aufmerksam gemacht, daß ich sie beschimpfen muß. Es ist erstaunlich und trifft auf die Büttel aller Länder zu; trotz ihrer Macht durch ihre Uniform fühlen sie sich unsicher, vermutlich unterlegen. Das wird kompensiert durch ihr betontes und lautes Auftreten. Weil wir weiß Gott nichts zu lachen hatten, ärgerte sie ein Lachen. Das war für sie bereits eine Form von Aufmüpfigkeit.
In Sachen Aufmüpfigkeit sind die Tschechen ja Meister. Sie kulminiert in der passiven Resistenz.
Das alles ließ sich nur ertragen durch das Akzeptieren übergeordneten Geschehens. Wir waren die beste Demokratie, bei allen Unzulänglichkeiten, die es gab. Ein ausgerasteter Psychopath kam an die Spitze der Deutschen des Reichs.
Unser Präsident Benes verkrümelte sich. Das hätte Masaryk nicht getan. Na schön. So war das nun mal. Wir wurden den Nazis überantwortet. Die einzigen, auf die man sich im Untergrund verlassen konnte, waren die Katholiken und die Kommunisten. Und diese schafften es vom bejubelten Befreier zum gehaßten großen Bruder zu mutieren. Na schön. So ist das nun mal. Und immer rangierten sich die Gegner des Etablierten ins Aus. Na schön.
So ist das halt. Das war eine Zäsur. Ich benötigte lange mich mit dem Spielballstatus abzufinden, dem Verlust der Initiative durch die Entpersönlichung. Da half nur eines, sich mit der neuen Situation abzufinden. Pro tento krát.
Mancher flüchtete zurück, sprach und verklärte Vergangenes. Der seelische Kater kam prompt und es war dann schwerer mit dem Akzeptieren der Situation. Andere flüchteten in Kochrezepte. Wie machte maminka bramborové placky, daß der Teig nicht auf der Herdplatte kleben blieb. Oder, kam Zitrone oder Essig in die Kulajda.
Schlimm war am Anfang das Erwachen aus dem Schlaf, der einem Koma glich. Wenn das Erkennen sich formierte, daß der Albtraum Realität ist. Mit der Zeit gewöhnte man sich daran. Wer das nicht schaffte, drehte durch. Oder floh in eine Krankheit. In meiner Praxis war mir nie das Ausmaß dieser intensiven Wechselwirkung von Leib und Seele bewußt geworden. Und noch was, du verlierst den Bezug zur Zeit. Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Ohne dein Zutun organisiert etwas in dir die Abwehrmechanismen. Das Lager und die Jahre waren für mich ein lebendiges Studienfeld. So findest du das in keinem Buch, in keiner wissenschaftlichen Abhandlung - die Entwicklung von Traumata. Die Demaskierung des Menschen durch sich selbst. Wie kann sich ein Mensch derart selbst degradieren? Das Verbot von Papier und Bleistift bewirkte das Aufzeichnen und Archivieren im Gehirn. Ein gutes Training aus der Situation heraus. Wenn es stimmt, Gott schuf den Menschen nach seinem Angesicht, muß Gott ein Konzentrat aus Güte, Gier und Gangster sein.
Das wird unser letztes Gespräch hier auf dieser Welt sein, Já chcípnu (ich verrecke).
Unser nächstes Gespräch werden wir im Jenseits haben. Jarmilka mußte mich im Krankenhaus abgeben, weil sie selbst erkrankte. Die Ärzte hier lehnen meine Therapie ab und ziehen ihren Stiefel durch. Sie lassen sich nicht überzeugen, daß sie falsch handeln. Es ist grotesk, daß die eigenen Kollegen einen umbringen. Ich bin dem ausgeliefert. Weißt du, was mir einfiel, wir haben uns nicht ein einziges Mal gezankt, oder erinnerst du dich böser Worte? Jetzt ist es zu spät. Also müssen wir den Streit in die nächste Dimension verschieben.
Na, dann reserviere mir schon mal einen Platz.
Versprochen, sobald ich selbst einen gefunden habe.
Oder zugewiesen bekommen hast.
Julko, du denkst in hiesigen Bahnen - dort ist alles anders. Wie? Wirst es selbst erleben - tak ahoj...., gehab dich wohl....
Das Telefonat war ohne jede Emotion, in unserem üblichen lockeren Ton. Zwei Tage danach gab es Tondik nicht mehr.
Nach seinem Doktorexamen an der Karlsuniversität in Praha eröffnete er eine Praxis in Plsen. Und er kaufte sich ein Pferd. Ritt gern trotz seiner Körperfülle, die auch kein Hindernis war ein gefragter Tanzpartner zu sein. Jeden Morgen vor dem Frühstück legte Tondík eine Schallplatte auf sein Kofferradio auf dem Teppich und sprang im Takt zu Aidas Triumphmarsch, wie ein Ballettänzer die Beine krätschend hoch, wobei er den Expander vor der Brust bis zum Anschlag spannte. Wenn ich lachte, setzte mich Tondík auf den Schrank und drohte, mich oben zu lassen bis zum Abend. Allein wäre ich mit meinen drei Jahren nicht hinab gelangt. Mein Bruder hatte 23 Jahre, weil er aus unseres Vaters erster Ehe war.
Von Veruska, dem Töchterchen, machte er damals allgemein unübliche Serien von Fotos. Am gelungensten schien mir wegen des etwas unglücklichen Gesichtsausdrucks, der besser zu Spinatessen gepaßt hätte, das auf dem Töpfchen. Von Jarmilka, seiner Frau, ebenfalls Ärztin, gab es nicht so viel Fotos. Nach seiner Einlieferung in Jachymov trennte sich Jarmila von ihm. Das verzieh er ihr nie. Auf die Frage an seine zweite Frau, ebenfalls einer Jarmila, ob sie sich vorstellen könne, auch wo anders leben zu können, hatte sie geantwortet, selbst in einem entlegenen Ziegendorf in den Karpaten. Und außerhalb des Landes? Ich bin deine Frau, wir gehören zueinander.
Ich werde den Teufel tun und Jarmilka in meine Pläne zur Republikflucht einweihen, sie zur Mitwisserin zu machen. Zehn Jahre nach seiner Entlassung durfte er seinen Bruder in Berlin besuchen. Viel konnte ich ihm von der Stadt nicht zeigen. Er konnte nur zwei Tage bleiben. Immerhin spielten wir zwei Stunden Minigolf, das damals IN war, und Tondík kennenlernen wollte. Er schlug uns alle, selbst Roswitha.
Vom Funkturm aus sah er sich die Stadt an. Fand sie überwältigend und unheimlich wegen ihrer Insellage. Schade, ist mir zu riskant. Morgen begebe ich mich auf die Suche nach einer akzeptablen Stadt. Hamburg, Hannover, Düsseldorf, Frankfurt, sogar München und Stuttgart bestanden nicht. Er entschied sich für Saarbrücken, weil ihn manches an Böhmen erinnerte und es nach Frankreich nur ein Schritt war.
Zur Überraschung einiger kehrte er ordnungsgemäß nach Praha zurück. Man grübelte: ein Ex-Häftling, und nimmt nicht die Gelegenheit zum Bleiben im Goldenen Westen wahr? Hat seine Praxis verloren..., mußte Busfahrer sein (in der Republik durfte es keine Arbeitslose geben) sein, dann in der Republik von Stadt zu Stadt reisen und in den Krankenhäusern die Elektrogeräte reparieren, schließlich Werksarzt für ein beschissenes Gehalt, seine Frau muß arbeiten gehen, um über die Runden zu kommen, und dann kommt er wieder zurück - da stimmt etwas nicht.
Keiner, so Tondík, kam auf den Gedanken, daß ich keinen Sprung ins Ungewisse machen wollte. Nur mit einem Handkoffer, der auf keinen längeren Aufenthalt schließen lassen konnte, verließ ich die CSSR - für immer. Ich bekam sofort eine Anstellung bei V&B, einem Werk in Mettlach. Als Chefarzt der Inneren Medizin, als Chefarzt der Gynäkologischen Abteilung und als Chefarzt der Röntgenabteilung für DM 1.500.- pro Monat. Kurz, man hatte meine Unkenntnis über die freie Verhandlungsbasis ausgenützt. Aus dem Osten kommend, hatte ich Fairness vorausgesetzt. Beim Versuch einer Korrektur wurde mir die kalte Schulter gezeigt. Ich kündigte umgehend zum nächstmöglichen Zeitpunkt. Bis dahin konnte ich mich nach einer eigenen Praxis und entsprechenden Krediten umschauen. Ich fand eine Passende. Doch da legte sich die Behörde quer. Ich bekam keine Zulassung von der Saarländischen Ärztekammer. Sie könne, so in der Begründung des Berufsverbots, meine drei Facharzttitel nicht anerkennen, weil sie in einem kommunistischen Land erworben worden war.
Umgehend suchte Tondík die Árztekammer auf. Es gelang ihm bis zum Unterzeichner der Verfügung vorzudringen. Ich bin Dr. Eschka und habe meine Doktortitel an der Karlsuniversität, der ersten nördlich der Alpen, zu einer Zeit erworben, da die Tschechoslowakische Republik die beste Demokratie in Europa war. Ich erinnere daran, daß es zu dieser Zeit noch kein Reichsprotektorat gab, geschweige irgend jemand auf den Gedanken eines kommunistischen Staates hätte kommen können.
Ihrem Jahrgang nach und den politischen Konstellationen entsprechend (das Saarland gehörte zu Frankreich) gehe ich davon aus, daß sie Ihren Doktor unter den Franzosen erworben haben. Stimmts? Ich sage weiterhin Herr Kollege zu ihnen, weil ich mir aus Bonn die Unterlagen habe kommen lassen. Ich gehe davon aus, daß sie ihren Bescheid umgehend revidieren. Oder bevorzugen sie ein Dienstaufsichtsverfahren, Herr Doktor? Oder den Klageweg?
Tondík hatte mich als Zeugen mitgenommen. Ich staunte zuerst über Tondíks durchweg verbindlich freundliche Stimme und dann über die Schnelligkeit der Abänderung des Bescheids. Wieder auf der Straße sagte mein Bruder, das habe ich bei den Kommunisten gelernt. Natürlich habe ich nichts aus Bonn in der Hand. Ein Beamter wird sich hüten oben anzufragen, ob das stimmte. Er mußte Probleme wegen seiner indirekt eingestandenen Nichtkenntnis befürchten. Ein anderer Trick: geben sie mir das schriftlich. Das mußtest du immer sagen. Und auf einmal ging’s. Jeder scheut sich vor einem schriftlichen Dokumentieren. Das war eine Schwachstelle. Einmal hatten sie einen Mann zu mir geschickt, ob ich bei seiner Frau eine Abtreibung vornehmen könnte. Den Estebak (Stasi) verrieten seine Strümpfe. Ich gab natürlich keine Antwort, schickte ihn in den Warteraum und rief seine Dienststelle an, sie mögen einen Mann abholen, Versuch zur Mittäterschaft eines Strafbestands.
Er hat mir sehr geholfen, er war mein Hausarzt, sagte Frau Dt. Alenová Wagnerová aus Saarbrücken, die ich in der Tschechischen Botschaft in Berlin kennenlernte, doch habe er es auch faustdick hinter den Ohren.
Eines seiner Telegramme war, wohl weil einem Fräulein vom Amt Tondík, die Kurzform von Antonín, nichts sagte, oder durch mundartliche Aufweichung des Konsonanten beim Durchsagen mit ahoi Don Dick unterzeichnet.
FN 1 - Bis zum Ersten Weltkrieg lag hier die einzige bekannte Lagerstätte von Uran. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Vorkommen für die entstehende sowjetische Atomindustrie massiv abgebaut. Viele missliebige politische Häftlinge des kommunistischen Regimes der Tschechoslowakei landeten als Zwangsarbeiter in den Uranminen. Viele von ihnen starben nach kurzer Zeit. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Jáchymov lag bei 42 Jahren. Seit 1964 wird kein Uran mehr abgebaut.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Jáchymov
gez. Julius Eschka

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