Fastnacht

Julius Eschka berichtet ....
Note: Zu diesem Thema schrieb Eschka auch den Beitrag „Last resort incognito” für Radio Prag. Das fiktive Gespräch wurde gesendet am .....; Sprecher waren .......

Porträt

Porträt Julius Eschka

Karikaturist Julius Eschka, fotografiert von Ralf Gründer, 03.10.2008, Berlin.

LAST RESORT INCOGNITO

In einem fiktiven Interview mit dem »Co-Piloten Samuel Aplican« berichtet Julis Eschka, wie es dazu kam, dass westliche Alliierte am 14.02.1945 mehrere hundert Tonnen Bomben auf Prag abwarfen. Der Autor versucht der Frage nachzugehen, welche unglückliche Verkettung von Zufällen dazu führte, das Prag zum Angriffsziel wurde. Zudem werden auch die Menschenjagden durch Tieffliegereinsätze auf Zivilisten auf den Elbwiesen von Dresden angesprochen.
An dieser Stelle muss betont werden, dass der Autor Überlebender dieser Einstäze ist! Mit seinem Beitrag möchte er der wissenschaftlichen Verschleierung entgegenwirken.

Fastnacht

Gewidmet Alice Paula Marie Suchanek

1   13.2.1945
Um 21.00 Uhr rief ich Esther, wie verabredet, an. Im Offiziers-Kasino der Artilleriekaserne an der Königsbrücker Straße in Dresden-Neustadt gab es eine Telefonzelle. Mitten im Wort brach die Verbindung ab. Ich lief zur nächsten Telefonzelle an der Wache. Auch tot. Wahrscheinlich war das Telefonnetz militärischen Erfordernissen vorübergehend unterworfen. Die Rote Armee stand schließlich 110 km vor Dresden im Raum Görlitz. Dresden hatte sich zur Ruhe begeben. Auf dem Dach der Kaserne döste ein Posten mit Feldstecher im dicken Wachmantel und Stahlhelm als Luftraumbeobachter. Der Beobachtungsstand aus Holz glich einem Baugerüst.
In einer Einraum-Baracke mit zwei Feldbetten war ich und Gefreiter Leische untergebracht. Leische hatte meine Zeichnungen des Tages (Projekte der zu schaffenden Verteidigungsanlagen für die Stadt) sortiert und archiviert und war schon am Schnarchen. Ich konnte mich nicht entschließen schlafen zu gehen, stopfte mir eine Pfeife, las im Reclamheft Mozarts Reise nach Prag und hörte Radio.
Das übliche: starke feindliche Kampfverbände im Raum Hannover-Braunschweig. Unmittelbar danach heulten die Sirenen auf. Kein Voralarm, gleich Vollalarm.
21.40 Uhr. Ich trat vor die Baracke. Totenstille. Plötzlich das Dröhnen eines Massenstarts unweit hinten am Flugplatz Hellerau-Klotzsche. Mit laufenden Motoren standen die Maschinen im vollen Licht, bekamen aber keine Starterlaubnis, standen angestrahlt während des gesamten Angriffs, weil eine Maschine aus Breslau, hieß es, zur Landung angemeldet war. Dann nah das Motorgeräusch eines einzelnen Flugzeugs. Es flog in geringer Höhe, wurde jedoch nicht identifiziert.
22.03 Uhr. Mosquitos im Tiefflug setzen grüne und weiße Leuchtkaskaden, ChristbÄume genannt, erleuchten das gesamte Elbtal..., eine rote Leuchtrakete, die langsam niedersinkt, glüht über dem Fußballplatz im Ostra-Gehege ziemlich nah auf. Der Zielmarkierer für die Bomber.
‚Ei verpipsch, das kilt uns’, ruft der Dresdener Leische aus und wetzt wie ein Wildkaninchen in Nachthemd und Unterhose, die er sich festhält, zum Steinhaus. Im Souterrain war ein Schutzraum provisorisch eingerichtet, der auch uns zugewiesen war.
22.13 Uhr beginnen die Bombenabwürfe in der Stadtmitte. Es gibt keine Flakabwehr, keine Scheinwerfer. Die Stadt ist voller Flüchtlinge aus dem Osten. Im Verlauf meiner späteren Recherche über diese sinnlose Zerstörung einer Stadt und Tötung Tausender stieß ich auf Merkwürdiges. Ich werde darauf noch exakt eingehen - an dieser Stelle lediglich: den Bomberbesatzungen, überwiegend um die Zwanzig, war das Ziel erst kurz vor dem Losfliegen im wahrsten Sinn des Wortes enthüllt worden. Dennoch soll Unbehagen aufgekommen sein, aber Befehl ist Befehl. Das gilt für alle Armeen.
Jetzt ist das satte Brummen der Bomberpulks über uns. Der Orgelpunkt des Schicksals. Die Detonationen des Bombenteppichs nähern sich mit der Unabwendbarkeit einer Lawine, ein akustischer Galgenstrick, der ohne Erbarmen zugezogen wird. Ein Nerv lässt mein rechtes Knie ausschlagen, verflucht, warum habe ich keine Gewalt mehr über mein Bein, sein Vibrieren ist wie ein Stromstoß - ich muss an das Schlachten des Schweines in Kummer am See (FN Heute: Stráz) denken, kurz vor dem Überfall der Reichsdeutschen, dessen Hinterhaxen nach dem Betäubungsschlag auf die Stirn kurz vor dem Abstechen im überhöhtem Zeitraffer zuckten und nicht aufhören wollten im sinnlosen Versuch eines Fliehens.
Immer wieder misslingt mir der Versuch, einen Muskel zu spannen, um das Vibrieren zu stoppen - mein Wille gilt nichts mehr. Beim Kiefernklappern funktioniert er noch.
Nicht das Krachen, das sich wie eine Stanzmaschine rasch nähert, ist das Entsetzliche, es ist das Fauchen von oben herab - eine Guillotine in Zeitlupe.
Das Bersten der Bomben macht vorübergehend taub. Es fegt die Bretter der Holzverschalung innen(!) von den Fenstern wie Pappkartons in den Raum. Es gibt Tote und Verwundete.
Ich denke, das Haus habe zwei Volltreffer erhalten und erwarte seinen Einsturz. Ich will auf meine Armbanduhr sehen - ich kann den Arm nicht heben, so gedrängt stehen wir, durch die Fensteröffnungen kommt Gestank von Schwefel und Verbranntem, mischt sich mit dem von Urin und Darmentleertem und Erbrochenem. Schreie und Wimmern, Stöhnen, jedoch keine Panik beim Heraus drängeln. Zum Glück war ich nahe der Eingangstür. Draußen stelle ich fest: das Steinhaus hatte einiges abbekommen. Es hat keine Fenster mehr, keine Dachziegel, Risse im soliden Mauerwerk. Ein KO gelang dem Tornado des Teufels nicht. Ein Bombentrichter von etwa sechs Meter Durchmesser vor dem Haus, der nächste hinter dem Haus waren die beiden letzten dieses Bombenteppichs. In einem steigt langsam Wasser hoch wie der Wasserablauf in einer Badewanne beim Rückspulen des Films. Leblose Körper werden ins Freie getragen, vorsichtig auf den Boden gelegt.
Von den Stallungen her kommt das Geschrei der verbrennenden Pferde. Sie waren ja angekettet, konnten nicht fliehen. Ich laufe los, sie loszubinden, treffe auf Leutnant Sauer. Menschenskind, sie sind ja verwundet, ab zum Sani. Jetzt spüre ich, dass es mir warm über die Wange rinnt. Wasser aus den Heizungsrohren? Blut? Etwa eigenes? Ich hatte nichts wahrgenommen. Ein Sani klatscht mir ein Verbandspäckchen gegen den Kopf - nur ne Schramme, lassen sie sich im Revier einen Verband machen.
Stall 5 war niedergebrannt. Da war nichts mehr zu retten. Stall 8 lodert an einer Ecke. Es stinkt unerträglich nach verbranntem Horn und verkohltem Fleisch. Aus Stall 8 waren die meisten Pferde gerettet.
Auch meine kleine Baracke mit den Unterlagen des Verteidigungsstabes ist eine Fackel.
570 000 Brandbomben und 4500 Flammenstrahlbomben waren in den beiden Nachtangriffen auf Dresden niedergegangen. Wenn das Nero erlebt hätte: Altstadt, Johannstadt, Seevorstadt, Wilsdruffer- und Pirnaische Vorstadt ein zusammenhängender Flächenbrand, ein geschlossenes Flammenmeer, vorangetrieben durch einen heftigen Sturm. Warum die US-Air Force am Aschermittwoch und dem nächsten Tag 85 000 Brandbomben und 600 Flammenstrahlbomben auf die 35 qkm der zerstörten Innenstadt, davon total 11qkm, noch ablud, muss gefragt werden. Im offiziellen Konzept der Verwüstung des historischen Zentrums lag kein kriegswichtiger Betrieb, keine militärischen Einrichtungen, militärische und andere kriegswichtige Objekte standen nachweislich nicht im Programm. Galt es kurz vor Kriegsende noch Kasse zu machen? Krieg ist immer ein Geschäft. Ein Machtpoker mit Menschenleben als Mittel zum Zweck. Einer der Gründe bestand im Punkten gegenüber der Sowjetunion. Bei den abzusehenden Verhandlungen über das Aufteilen des Beutekuchens ging es um eine Poleposition (s. Churchills Memoiren)
Die von 1940 - 1945 abgeworfenen 1 300 000 t Bomben bewirkten nicht das vorhergesagte Demoralisieren der Bevölkerung. Noch im Januar 1945 standen über 90% zu ihrem Führer. Churchill beneidete Hitler um diese Gefolgschaft. Demnach wurden kaum 10% der Deutschen durch die Alliierten befreit. Dies lässt sich nur über die Juden, Zigeuner, Tschechen, Kommunisten und den Katholiken, und über die im Widerstand sagen.
Übrigens war den alliierten Oberkommandos das Fehlen einer Abwehr bekannt. Es gab in Dresden zu diesem Zeitpunkt keine Flak und keine Scheinwerferbatterien. Deshalb war auf Begleitjäger verzichtet worden. Die drei im Verlauf des Angriffs abgestürzten Maschinen waren von Abwürfen eigener Maschinen, die über ihnen flogen, durchsiebt worden und die aufgefundenen 6 Tote waren Eigenverschulden. Es hatte ein Gerangel im Luftraum über der Stadt gegeben. Die 772 Lancaster der Pulks mussten in mehreren Etagen fliegen. Ausweichmanöver mussten geflogen werden, auch waren die Maschinen durch die Auswirkungen des Feuersturms kaum auf Kurs zu halten, manche klinkten ihre Bombenlast zu früh oder zu spät aus. So kam es zu außerplanmäßigen Bombenabwürfen, unter ihnen jene des Kasernenbereichs in Dresden Neustadt.
244 Lancaster waren es beim ersten Angriff, die zwischen 22.09 Uhr und 22,35 Uhr 3000 Sprengbomben außer den Brandbomben abluden, beim zweiten Angriff 529, die zwischen 01.22 und 01.54 Uhr 4500 Sprengbomben in eigenmächtiger Erweiterung des vorgesehenen Ziels, das eine gigantische Qualmwolke erheblich verdeckte, warfen. Im Gegensatz zu anderen Einsätzen waren in den Einsatzbefehlen des 13.2. keine Ausweichziele benannt. Erst unmittelbar vor dem Einsatz war den Bomberbesatzungen das Angriffsziel im reinsten Wortsinn enthüllt worden. Dass Praha vom Dresdener Bombensegen etwas abbekam, gehört zu den Kuriositäten. Wie es dazu kam, ist meiner Sendung für Radio Prag »Last resort incognito« zu entnehmen (Anhang).
Das Glissando der Sirenen von Gis nach Cis, und wieder zurück, der eine Generation prägende Heulton, konnte in der Innenstadt nicht mehr eingesetzt werden. Die Warnanlage war beim ersten Angriff ausgefallen. Sie funktionierte nur noch in den Außenbezirken. Den Dresdenern wurde im Radio der Fliegeralarm mitgeteilt. Sie liefen auf die Straße und schlugen Bratpfannen und Kochtöpfe gegeneinander, wobei sie wie Marktschreier die Warnung weitergaben.
01.22 Uhr. Der zweite Nachtangriff. Die 2. Welle war mehr als doppelt so stark, ein 190 km langer Maschinenstrom. Kursänderungen wurden als Täuschungsmanöver geflogen. In einer kurzen Funkverständigung einigten sich der Masterbomber und sein Stellvertreter in der zweiten Maschine, entgegen der offiziellen Anweisung die Bomben nicht in dem bereits zerstörten Bereich zu platzieren, vielmehr links und rechts davon. Diese Ausdehnung bewirkte die Einmaligkeit des konzentrierten Angriffs und den größten Flächenbrand - auf andere deutsche Städte fielen mehr Bomben.
Wieder das Näherkommen der Einschläge, jetzt jedoch von Südwest, aus der Stadt, beim ersten Angriff waren die Bomber aus Nordwest gekommen. Mir war, als hatten sie es auf mich abgesehen. Ich presse mich an den kalten Waldboden der Dresdener Heide gleich hinter den Pferdeställen, werde von ihm abgewiesen bei jeder Detonation in der Nähe, die Pulks kommen direkt auf mich zu, ich fühle mich wie auf einem Präsentierteller. Wieder dieses Fauchen. Bäume werden geknickt und Stämme mit Eisensplittern gespickt. Die Einschläge verkrümeln sich Richtung 2-3 wie ein abziehendes Gewitter. Mein Knie war ruhig geblieben. Den Rest der Nacht verbrachte ich nach Löschversuchen zwischen den Pferden auf einem Strohballen und unter einem Woilach. Dass es in wenigen Stunden weitergehen sollte, fiel einem nicht im Traum ein. Auch nicht die Weitergabe der Vernichtungsstafette an die US-Air Force.
In 58 Minuten insgesamt war eine Stadt ausradiert. Der Deutschen Führer hatte seinem Volk das Ausradieren englischer Städte versprochen. Von Christen wurden die Auslöseknöpfe der Bombenschächte bedient, um Christen zu morden und auch die Häuser des gemeinsamen Gottes zu zerstören. Hatten die kirchlichen Institutionen versagt? Mich verunsicherte das Fehlen von Hassaufbrüchen. Keine Hassbekundungen, abgesehen der von der offiziellen NS-Propaganda und ihren Kumpanen, weder gegenüber dem Feind, noch gegenüber dem eigenen Regime. Einzelne Fälle von Lynchjustiz an abgeschossenen Piloten soll es im Reich gegeben haben, beim Grad der Durchbräunung der Deutschen leicht zu erklären. Dresden brannte drei Tage und drei Nächte.

ASCHERMITTWOCH

2   14.2.1945
Unter dem Keller der Kaserne gab es einen weiteren Keller, den Weinkeller. In ihm, etwa sechs Meter Erdreich über uns, war der Verteidigungsstab etabliert. Durch Hauptmann Tiedemann war ich Stabzeichner geworden. Die Besprechungen jagten einander. Die Meldungen überschlugen sich. Gauleiter Mutschmann kam kurz, der Oberbürgermeister von Dresden Dr. Nieland, SS-General, der Polizeipräsident Oberhaidacher, kamen gelegentlich, ebenso SS-Gruppenführer von Alvensleben, die kommandierenden Generale von Heer und Luftwaffe häufiger, von und zu Gilsa und andere schickten meist wichtigtuerische Vertreter. Erstaunt stellte ich fest, dass keiner an einer gemeinsamen Schnur zog im Augenblick höchster Gefahr. Jeder gegen jeden, war die Devise dieses Machtgerangels. Konstruktives zur Verteidigung kam von ihren Mitarbeitern aus den unteren Etagen. Eine Hackordnung war leicht zu erkennen. Je näher einer der Führungsetage war (oder sich wähnte), umso devoter gab sich die Umgebung, die Buckelnden bildeten eine Trittleiter zur Macht und zum Einfluss. Diskussionen über Effizienz kamen nicht auf, es gab lediglich Befehle, die von einem Ranghöheren natürlich konterkariert werden mussten. Wer wem unterstand, wer was zu sagen hatte, war fast eine Wissenschaft. Mit der Höhe der Position stieg auch eine Art Gelassenheit, nach Unten verstärkte sich das Rivalisieren bis hin zum grundlosen Gezänk. Die schließlich gebilligten Ergebnisse ihres Gezänks und den Selbstdarstellungen hatte ich in die Messtischblätter einzuzeichnen. Jedes Geschütz musste eingetragen werden und penibel natürlich jeder vollzogene und vorgesehene Stellungswechsel bei sich ändernder Lage. Um den Wust der Papiere zu minimieren, schlug ich Deckblätter aus Transparentpapier vor. Das wurde verworfen, nicht dagegen mein zweiter Vorschlag, der Mehrfarbigkeit auf dem Hauptblatt. Jeder wusste natürlich die Reaktionen „des Russen”. Lange Erörterungen gab es über die günstigste Position eines Geschützes, über Verlauf von Gräben und Barrikaden. Und über allem lag ein Dunst der Verheißung, der Führer wirds schon richten.
Im Tiefkeller geht die Arbeit zur Verteidigung der Stadt weiter. Nach und nach treten die Offiziere in den Raum, adrett wie stets, gepflegt und nach 4711 duftend. Unterhalten sich im Rittmeisterton der Jahrhundertwende, nein, plaudern, schlagen beim Begrüßen nach Rangordnung die Hacken ihrer blitzblanken Stiefel, nahezu ohne Spuren von Glaskrümel, Mörtelstaub und Holzsplitter, zusammen, rauchen Zigaretten in der Art von Willi Forst, Monokel blitzen, Ordonnanzen schenken Kaffee in Porzellan - ein Bild des Friedens. Träume ich? Habe ich eine Halluzination? Kein Wort über den Nachtangriff und den Bombenhagel. Haben die alle geschlafen? Oder war das Erörtern des Geschehns unsoldatisch? Das nennt sich Haltung. Nur ein Major bemerkt mein Pflaster am Kopf, scherzt, fürs Verwundetenabzeichen dürfte das wohl kaum reichen ....
Oberstleutnant Beckers stattliche Erscheinung füllt den Türrahmen. Ohne Gürtel und Schulterriemen, roten Lampassen an den langen Hose, nicht im Generalsrot, abgeschwächter und unübersehbarer Hinweis auf einen Generalstäbler. Eine imposante Erscheinung auch nach Ablegen des Ledermantels, der fast auf den Sporen seiner Stiefeletten aufsitzt. Beim Reden wippt er gern auf den Fußsohlen nach dem Motto Na-dann-woll-ma-mal. Ich entrolle auf dem Feldtisch schnell das Messtischblatt im Maßstab 1:25 000, das an der rechten Seite bis Bühlau, Hostwitz und Heidenau reicht. Seine gepflegte Hand verdeutlicht die Aufgaben der Verteidigung der Stadt. Prioritäten muss ich hervorhebend darstellen. Abschließend sagt er mit leerem Blick, Dresden sei bis zum letzten Mann zu verteidigen. Führerbefehl.
Schlagartig ist es stockdunkel. Und schockstill. Der Boden wellt sich. Unmittelbar nach dem Bodenschauer über uns ein Krachen und Poltern. Die Bohlentür oben am Ende der Wendeltreppe aus Stein wird eingedrückt, verbleibt an einer Angel schräg, Rauch, Staub und ein beißender Geruch fegen in den Raum, gefolgt von Dämmerlicht. Wieder kracht es oben, wieder huscht ein leichtes Erbeben über den Boden, auf dem sich leise Wasser sammelt. Ich rolle schnell die Pläne zusammen, stoße dabei mit den Fingern auf die Oberfläche einer Tellermütze. Unser Oberzahlmeister hatte und dem Kartentisch Deckung zu bekommen versucht. Der kleine schmächtige Mann mit Zwicker wie Himmler war wegen seiner Schärfe unbeliebt, jetzt wimmerte er ohne Unterbrechung, wir müssen jetzt sterben.
Das war jetzt die 8. Bomberflotte der USA mit 317 B-17, bestückt mit 1500 Minen und Sprengbomben nebst 50 000 Stabbrandbomben und 100 Flammenstrahlbomben, warfen von 12.17 Uhr bis 12,30 Uhr ihre Bombenlast ab, um zu ihrer Basis nach Italien zurückzukehren. Eigentlich sollten sie einen Tag eher gekommen sein, doch Unwetter unterlief das offizielle Programm.
Fluchtartig verließen wir den Unterkeller. Vom Kasernengelände, das auf einer Anhöhe liegt, lässt sich die Stadt wie von einer Proszeniumloge aus beobachten. Jenseits der Elbe flackern aus den Schwelbränden protuberanzenartig Feuerzungen hoch. Wir könnten gerade noch die umkehrenden Maschinen hören, die das Zentrum in Gegenkurs jetzt ansteuerten, wir nehmen die wendigen unter der Wolkendecke entlang der Elbe operierenden Tiefflieger beobachten, wir sehen das Wasser brennen. Nicht löschbare Brandmasse, im Volksmund kurz als Phosphor deklariert, erweckte den Eindruck, der überraschte. Viel wurde über das Inferno Dresden erfabelt, manches verschwiegen oder unterschlagen, sehr vieles spekuliert, einiges bestritten. Es kommt darauf an, wer etwas sagt und warum. Das Hervorkramen meiner Gedächtnisprotokolle nach 63 Jahren ist ein Zeichen von jedwedem Fehlen spekulativer Interessen. Zwei Punkte beschäftigen in verlässlichen Abständen die Publikationen. Die Tieffliegerangriffe an den Elbufern auf wehrlose Zivilisten und die Gesamtzahl der Toten.
Punkt 1 ist schnell abgehandelt. Ich habe selbst die Tiefflieger gesehen und mit mir mehrere Personen. Das Argument der Leugner dieser Tatsache, aus 8000 bis 9000 m lässt sich nicht auf Wasserniveau hinab gehen ist Quatsch. Schließlich konnten auch die einzelnen Villen nicht durch einen der drei Bombenteppiche getroffen worden sein, durch eine Wolkendecke und aus 5000 - 8000 m - da musste wesentlich tiefer angeflogen werden. Außerdem wurde kurze Zeit später in Rokycany ein Güterzug auf dem Bahngelände vor unseren Augen zu Kleinholz und Kleinmetall durch mehrere Jabos zerschossen. Auch war ich an der Front als Meldereiter Ziel von Jabo-Attacken.
Am meisten wurde über die Zahl der Getöteten polemisiert. Während meiner Tätigkeit als Stabszeichner bekam ich zwei Zahlen zu hören: 135 000 und 150 000. (FN 1)
Nie 35 000 oder 25 000. Weil zu viel Politik bei der Festsetzung der offiziellen Zahl mitwirkt, wird die tatsächliche Zahl der Ermordeten ungenannt bleiben.
Zweifelsohne waren die Angriffe auf Dresden ohne zwingenden militärischen Grund erfolgt, demnach Terrorangriffe und nicht minder verwerflich als jene auf Guernica und Coventry oder Rotterdam oder ....., die Aufzählung lässt sich fortsetzen. (FN. 2)

3   15.2.1945
Esther ist da. Kaum zu erkennen nach langem Irrweg quer durch die Ruinen. Stinkend wie eine Aalräucherei. Hauptmann Tiedemann lässt Kleidung aus dem Fundus für Nachrichtenhelferinnen kommen und lädt er sie zum Essen ein. Beide haben eine Gemeinsamkeit, sie sind Pferdenarren. Er zeigt Esther die Zirkuspferde von Sarrassani. Sie bekommt einen Ausweis für den Aufenthalt im Kasernenbereich. Sie bekommt am nächsten Tag einen Fahrschein ins Protektorat und Lebensmittelmarken. Wir schlafen auf Stroh im Souterrain-Gang der Artilleriekaserne zwischen Hunderten ausgebombter Zivilisten.
Leische ist da. Ich erkenne ihn von hinten an seinem Kugelkopf und rötlichem Kraushaar.
Uns haben sie den Großvater geklaut, sagt er auf einer Tonhöhe immer wieder wie bei einer Litanei.
Dumme Geschichte, sagt Hauptmann Tiedemann und verwahrt seine Unterlippe hinter seinen Oberzähnen, na erstmal einen Kognak. Unerlaubtes Entfernen von der Truppe. Er greift zum Hörer und poltert los, wie kommt der Gefreite Leische auf die Vermisstenliste, wer hat ihn als vermisst gemeldet? Der Mann steht vor mir! Also! Nachprüfen, ob da noch welche nicht hingehören! Verstanden? Jawoll, Leische streichen! Ende. So das hätten wir. Und jetzt kriegen sie drei Tage Sonderurlaub. Wird wohl noch einiges zu tun sein bei ihnen. Abtreten
Wie im tiefsten Winter war der Kasernenhof der Artilleriekaserbe übersät mit Flugblättern. Auf der Vorderseite - blattfüllend - ein Foto des Ufa-Stars Zarah Leander und hinten ein Aufruf mit ihrer Unterschrift an die Soldaten zum Niederlegen der Waffen. Ich wunderte mich, dass niemand von den Flugblättern Kenntnis nahm. Neugierig wollte ich eines aufheben und wurde von der Seite angebrüllt: liegen lassen! Auf Kenntnisnehmen und Weiterverbreiten stand Todesstrafe. So mimte ich nach einer Weile das Schnüren eines Schuhsenkels und informiert mich auf diese Weise über den Inhalt.
- Du warst doch vor mir im Steinhaus?
- Nur bis zum ersten Dunnerschlach, aber dann heidewitzka ab durch die Mitte. Wetzte los, da prasselten die Brandbomben, musste mich unterstellen wir bei Hagelschlach. Mit eenem Male brannte alles echlich. Ich kam zu unserm Haus, brannte auch, äbenso unsre Bäckerei. Allet rannte die Treppe runter, nu, und unser Großvata der gonnte nich so schnell, und ist auf der Treppe verbrannt. Woin mit ihm? Mir taten ihn in einen Goffer und stellten ihn auf die Straße zu dem guten Stuhl und allem anderen, was wir noch retten konnten. Sächsisches Brokat und Porzellan. Nu, als alles vorbei war, war unser Großvater weg, eenfach weg. Goffer samt Großvater, eenfach weg. Leute gibts.

4   16.2.1945
RM 32,50 für den Verlust meiner privaten Sachen erhalten (Lederkoffer, Füllfeder, Necessaire, Bücher, Fotoapparat)
Abschied von Esther. Mit einem Wehrmachtsfahrzeug geht es ins Protektorat. Bei meinen Eltern bekommt sie mein Zimmer-
Sie ließ mir ihren Schal, der nach Rauch und etwas nach ihr roch.
Ich werde einem Kommando zugeteilt, das in Kellern nach Überlebenden zu suchen hat. Wir bekamen Schutzhandschuhe und Schutzmäntel aus schwarzem leicht teerig-klebrigen Stoff. Zusammen mit unserem NSFO, dem SS-Offizier Wyrion, stolpere ich in halbverschütteten Kellergängen umher. Haben wir richtig gehört? Grammophonmusik. Völker hört die Signale - Neben dem Grammophon hockt angstschlotternd eine alte Frau. Sie hat uns in unserer Schutzkleidung ohne Rangabzeichen für Rotarmisten gehalten. Ihr Schlottern nimmt zu, als sich Wyrion zu erkennen gibt. Unser NSFO (Nationalsozialistischer Führungsoffizier) beruhigt sie und sagt zu mir, wir haben nichts gehört, und zum Mütterchen, heben sie ihre Schallplatte gut auf.
Nachmittags bin ich wieder am Zeichentisch, abends beziehe ich mein neues Quartier in der Dresdener Heide, einen Unterstand wie ein in die Erde versenktes solides Blockhauszimmer mit Kanonenöfchen und Feldtelefon. Bereits bei Feindeinflug im Reichsgebiet hatte ich den mir zugeteilten Lunatyk, den Falben mit Aalstrich, zu satteln, in die Dresdener Heide zu verbringen und erst nach Entwarnung in den Stall zurückzubringen.
Vor dem Einsatz beim Suchtrupp informierte uns Leutnant Sauer mit Pokermien - Reichsluftschutzordnung: als amtliche Leiche gilt nur eine Leiche mit Kopf, Kopf allein zählt ebenfalls als volle Leiche - wer lacht da, Körper ohne Kopf zählt nicht als Leiche, Kopflosigkeit findet keinen Eingang in der Statistik, verstanden, womit der in der noch geltenden preußischen Begräbnisordnung gewährleistete Anspruch auf einen Platz in einem Grab entfällt.
Das muss ich mir notieren. Ich schrieb es in einen Steno-Block. Es kamen weitere Notizen hinzu, ich schrieb und schrieb. Zu meinen Kritzelzwang gesellte sich der Schreibzwang - ich schreibe noch heute.
2008-08-11

FN 1
(FN im Kriegsverbrecherprozess von Nürnberg sagte der Angeklagte Rundfunkkommentator Hans Fritzsche aus, Hitler und Dr. Goebbels wollten 40 000 Kriegsgefangene, Amerikaner, Briten und Russen erschießen lassen als Vergeltung für die 40 000 Toten von Dresden. Tatsächlich müssten 135 000 exekutiert werden. Wie der NS-Pressefunktionär im Zentrum der NS-Presse zu dieser im Nebensatz geäußerten Zahl kam, interessierte die Prozessführenden nicht. Dr. Bodamer am 10. Juni 1963 in der Württembergischen Gemeindezeitung.(Zitat):
....dass wir heute genau wissen, in Dresden bei dem berüchtigten Bombenangriff 135 000 Menschen qualvoll sterben mussten,
... Von der DDR wurden 35 000 Todesopfer als gesicherte Erkenntnis bestimmt. Von der DDR wurden 35 000 Todesopfer als gesicherte Erkenntnis bestimmt.)
FN 2
(Nichts geschieht ohne Grund. Es wird behauptet, Churchill habe das Abblasen seines Befehls zum Angriff auf Dresden vergessen. Als Grund für die Vernichtung von Dresden wird das Stichwort Donnerschlag genannt, eine Trumpfkarte Churchills bei den bevorstehenden Treffen in Jalta. Die Alliiertenoffensive war so gut wie stecken geblieben und am 12. Januar hatte die sowjetische Offensive begonnen, die Rote Armee stürmte westwärts. Um die bestimmende Ausgangsposition zu haben, müssen Erfolge auf den Verhandlungstisch. Selbst die Atombombe, die Truman aus dem Ärmel zog, beeindruckte Stalin nicht - der erhoffte Effekt verpuffte).

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