Vorspiel von Dresden

Julius Eschka berichtet vom Bombenangriff auf Dresden am 07.10.1944, zwischen 12.00 - 13.00 Uhr

Porträt

Porträt Julius Eschka

Filmarchitekt, Filmemacher und Karikaturist Julius Eschka, fotografiert von Ralf Gründer in der Galerie Son vor einem Werk des Berliner Künstlers Stephan Elsmer am 03.10.2008.

Berliner Luft

Berliner Luft

Karikatur: TITUS [Julius Eschka].

Vorspiel von Dresden

Gewidmet Anna Magdalena Bejenke-Dostálová

So ein Zirkus, sagte Oberleutnant Sauer beim Verfolgen der Bomberpulks mit seinem Feldstecher. Es rumpelte in der Ferne, Bomben auf Dresden am 7. Oktober 1944, zwischen 12.00 und 13.00 Uhr. So ein Zirkus, so ein Zirkus ...
Wir saßen in einem Straßengraben bei Schmorkau nahe Kamenz und löffelten aus dem Kochgeschirr unsere Suppe. Die 15 cm Haubitzen standen unter den Bäumen der Allee auf der Straße nach Königsbrück. Herbstmanöver nach HDV (Herresdienstvorschrift) , dem läppischen Imitieren des Ernstfalls.
Bomberpulk um Bomberpulk paradiert durch das Dreieck der oben am Straßenrand zu Pyramiden gefügten Gewehren von rechts nach links silberblitzend im milden Licht des sonnigen Tages wie Reklameflugzeuge, im unsichtbaren Schlepp eine neue Ära.
Nach dem Ausklinken ihrer Bomben ziehen sie unbeirrt weiter Richtung Ost. Wo fliegen die bloß hin, wo fliegen die bloß hin. Wo fliegen die bloß hin? Etwa zum Russen? Dass die US-Flieger tatsächlich mit russischen Pässen ausgestatten waren, ahnte Oberleutnant Sauer ebenso wenig wie wir.
Im August waren sie zum ersten mal gekommen. Ihr Ziel war Freital bei Dresden. Die Dresdner hatten das als Versehen abgehakt. Diese Ansicht änderte auch nicht das Staatsbegräbnis für die ersten Toten jetzt.
Eine Bombe hatte im Kasernenbereich einen Splitterschutzgraben voll getroffen. Zwölf Mann, genau eine Stubenbelegung, waren tot. Beim Einrücken in die Kaserne zogen wir an der Einschlagstelle, dem zwo Meter tiefen Kegel, vorbei, einer Prägung des Anspuchs auf den Luftraum über dem Land. Meier hatte der Reichsmarschall in weißer zirkusbetresster Uniform verbal posaunt - und seltsam, seiner Beliebtheit schadete dieses Schwadronieren nicht.
Nebel hatte verhindert, daß der Trichter in Most (Brüx) entstand, möglicherweise im Zusammenspiel mit unkorrektem Ausklinken der Bomben und dem unzureichenden Schutz der Splitterschutzgräben, die für einen Volltreffer nicht konzipiert waren.
Ein feierliches Begräbnis war anberaumt, und ausgerechnet unser Zug von dreißig Mann wurde für das Ehrensalut abkommandiert.
Zur Salve fertig! Hoch hebt an! Salve....: Feuer!!, hieß das Kommando. Bei Salve war Druckpunkt zu nehmen. Für diejenigen, die mit einer Knarre umzugehen nie genötigt waren: Druckpunkt ist das Betätigen das Abzugshahns bis zum letzten geringen Widerstand, ein Verharren auf diesem, um beim „Feuer” durchzudrücken.
Fünf Tage exerzierte Unteroffizier Schoch mit uns. Am letzten Tag kam Oberleutnant Sauer wie zu einer Generalprobe, natürlich im Stahlhelm und mit Säbel, dessen Scheide ihm immer wieder zwischen die Stiefelschäfte geriet und den tappsigen Schritt eines Bären bewirkte. Er übernahm das Kommando: also nochmal den Trauerschritt zur Musik. Im Trauermarsch marsch! Anziehen des rechten Beines bis auf die Höhe des anderen, Verharren auf exakt einen Taktschlag wie beim Hochzeitsmarsch in Filmen: sooo-o und so, sooo-o und so, sooo-o und so. Und-der-Paukenschlag-erfolgt- -auf-das-So-vor-dem-linken-Bein-uuund-so... Verstanden?
-- woll, Herr Oberleutnant!!!!!
Gut. Wo, Kanonier Kunath?
Auf jedem Bein, Herr Oberleutnant.
Scheiße, auf keinem, auf dem So! Menschenskind, aber auf dem Zweiten! Wann, Kanonier Taut?
Äh, auf keinem, wahrscheinlich, Herr Oberleutnant. Neiiiin. Nochmal: auf je-dem zwei-ten So. Hersehen! Oberleutnant Sauer stolzierte den angetretenen Zug entlang wie der Ballettmeister in dem Ballett Puppenfee.
In Zeiten wie diesen hat die Gerüchteküche Hochsaison. Einer der Särge müsse geöffnet werden wegen einer Hand mit drei Fingern, die im Löschwasserbecken nachträglich gefunden worden war.
In der Gerüchteküche angerichtet war: Dresden bleibt verschont, weil Churchills Nichte im Haus der Schweizer Gesandtschaft wohne ...., Dresden wird nicht angegriffen, weil die Stadt als Reparation an die Tschechoslowakei abgetreten werden soll ...., Stalin wünsche für seine Truppen eine heile Stadt ..... Für das Unternehmen „Donnerschlag” benötigten die Alliierten eine heile Stadt, um den Grad der Auswirkung feststellen zu können.
So ein Zirkus, sagte Leutnant Sauer beim Anblick des chaotischen Durcheinanders der Pferde von Sarrassani in der Reitbahn. Sie waren bei uns untergebracht nach Schließen aller Vergnügungsstätten in der Schlussphase des Endkampfs um den Endsieg. Das Propagandaministerium hatte einen Hang zur Tautologie. Im Begriff Sieg ist der Abschluss eines Vorgangs bereits enthalten. An der Spitze des verbalen Schwachsinns steht der Komparativ von total, „totaler”, von Dr. Goebbels vor 3000 Anwesenden im Sportpalast verkündet.
Die Tiere müssen jeden Tag bewegt werden bewegt werden, nur den Offizieren war es erlaubt sie zu reiten. Leider waren wenig unter ihnen, die einigermaßen reiten konnten, an der dazu gehörigen Pflege war keiner von ihnen interessiert. Erst die Pflege und mindestens einmal herunterfallen, hatte mein Vater gesagt, mache einen Reiter aus. So kam ich zu dem Vergnügen die zuckenden Flanken dieser edlen Tiere zu striegeln, zu kämmen und die Hufe zu säubern.
Den Trauerzug führte hoch zu Ross der Batteriechef der zwölf „Gefallenen” an. Der Block der Batterie folgte in ungewohnter Sechserreihe. Den Reithosen der Offiziere war am Lederbesatz die Häufigkeit des Sattelkontakts anzusehen. Offensichtlich hatten sie auch den Trauerschritt mit dem Aussetzen eines Taktschlages nicht geübt, sie begnügten sich mit einem Schlendern, als wären sie auf einer Kurpromenade und nicht auf dem Heidefriedhof.
Wir dagegen hatten reichlich geübt, einzeln und im Dreierblock. Nicht im Sechserblock, da war es anders.
Viererzüge schwarz drapierter Pferde waren den Lafetten mit den Särgen vorgespannt. Reichskriegsflaggen verdeckten die Särge gänzlich. Acht Monate vor dem Aus des Dritten Reichs war dem Musikzug ein Paukist hoch zu Ross beigegeben. Seine Zügel waren mit den Steigbügeln verbunden, in den Händen hielt er hochgereckt die Schlegel beindruckend über dem Helm gekreuzt, von wo sie hinabsausten, mal der eine, mal der andere, mal beide zugleich. Er war der Star, musste sattelfest und taktfest sein.
Dagegen wurde Major Gudenius geritten, das war leicht zu sehen. Mit Sporen ist er immer anzutreffen, im Sattel dagegen nie. Seiner Ahnungslosigkeit entsprach die Wahl des Tieres. Es musste ein Schimmel von Sarrassani sein.
Beim ersten Paukenschlag stellt sich das Prachtexemplar von einem Schimmel sofort schräg und tänzelt auf der Hinterhand. Nur mit Mühe hält sich Major Gudenius oben und mit einer Hand an der Mähne. Dies missversteht der Hengst und schlägt eine diagonale Marschrichtung ein, wobei er seine Lefzen gegen den Hals drückt wie die Rösschen der Schachbretter. Einige Tiere des Offiziersblocks versuchen zu folgen.
So ein Zirkus, presst Oberleutnant Sauer durch verkniffene Lippen, denn einige Pferde hatten kehrt gemacht, kommen auf uns zu, schlagen Volten und Pirouetten, Kapriolen und Levaden, ihre Gangarten stimmen mit Chopins Taktvorgaben nicht mehr überein. Das Durcheinander des Schwadrons der Offiziere hinter dem Major steigert sich zu einem Chaos. Die Hilfen dieser Montagsreiter sind derb wie bei den Barraszossen, die übersensiblen Zirkuspferde reagieren ja bereits auf geringfügiges Antippen oder leichtes Gewichtverlagern, das die Offiziere selbst nicht einmal wahrnehmen. Es kommt zu Beißattacken und Ausfetzen, auch zu Abwürfen. Es erinnert an ein zu Deck gehievtes Netz voll zappelnder Fische.
Das kann ja heiter werden, zischt Unteroffizier Schoch mit Hans-Albers-Blick unter seinem vorn tief sitzenden Stahlhelm, der seinen bayerischen Nacken schutzlos lässt. Neben Sauer schwankt er in ungewohntem Dümpelschritt dem Marschblock voran und einer Katastrophe entgegen, vorbei an dem Häuflein wie Bergziegen sich zusammendrängender Angehöriger, die im Protokoll wohl unbeachtet geblieben waren. Wenige tragen schwarz. Entweder reichte nicht die Zeit zum Besorgen von Trauerkleidung oder Bezugscheinen der Kleiderkarten, oder sie war verbrannt. Bis auf eine junge Frau mit einem Kind, die ein Weinkrampf befallen hatte, nehmen die übrigen Zivilisten am Zeremoniell kaum teil, apathisch stehen sie da. Die junge Frau kann sich nicht fassen. Vor dem Sarg mit dem Namensschild aus Messing bricht sie zusammen.
Unteroffizier Schoch, der alte Haudegen, kommentiert: Muttchen beweint den großen Zeh des Kameraden. Tatsächlich waren die sterblichen Überreste in die zwölf Särge portioniert worden. Intakte Körper wurden nicht vorgefunden. Die Zahl zwölf ergab das Durchzählen beim Appell.
Die Trauernden sind überfordert durch den Schicksalsschlag und durch diese Inszenierung. Pimpfe bilden Spaliere mit Fackeln, Fackeln am Tage, immerzu macht irgendwer irgendwem zackig eine Meldung, Fahnentuch um Fahnentuch quillt in die Szene und ein akustischer Trommelschauer löst das Dröhnen der Landsknechtstrommeln ab. Zwischen langen Pausen kräht ein Pimpf den Namen eines Opfers. Ein zweiter antwortet mit Hier! wie bei den Jahresgedenken am 9. November in München an der Feldherrnhalle.
Noch mehr im Abseits verharren die Vertreter der beiden Konfessionen in routiniertem Warten. Im aufkeimenden Licht der Herbstsonne verblassen die Fackeln der Hajotler.
Hauptredner Mutschmann, der Gauleiter, kommt rasch zum Punkt der Todesursache. Erstens, die Juden wegen des uns aufgezwungenen Krieges, zwotens, diese Wackeren selbst, die sich zwar unfreiwillig, ihrer Verpflichtung zum heiligen Beitrag in dieser Stunde der Bewährung entzogen haben durch Fehlverhalten und Fahrlässigkeit beim Vollzug der Luftschutzordnung - sie hätten den Luftschutzkeller aufsuchen müssen, ein Splitterschutzgraben biete keinen Schutz vor einer Bombe.
Haben wir richtig gehört, hatte er tatsächlich von Fahnenflucht in den Tod geredet? Das darf doch nicht wahr sein, zischt Unteroffizier unter seinem Stahlhelm. Und wir alle stehen da ohne Protest gegen diese Unverfrorenheit der Schuldverlagerung. Die Vertreter der Kirchen halten ihren Kopf gesengt, dürfen nur die offiziellen Texte ihrer Segnungen sagen, während von und zu Gilsa, der General, Phrasen abliefert. Pflichterfüllung über den Tod hinaus durch deren Beispiel, um die Lebenden enger zusammenrücken zu lassen im Augenblick der höchsten Gefahr für Führer, Volk und Vaterland.
Leise beginnt der Musikzug endlich das Lied vom Guten Kameraden anzustimmen, die Fahnen werden gesenkt, jetzt ist unser Augenblick da.
Die Reichskriegsfahnen werden wie ein Altartuch von den Särgen gezogen, Oberleutnant Sauer tritt zackig vor, hat Schwierigkeiten beim Ziehen des Säbels aus der Scheide, fummelt herum, zieht endlich blank, kommandiert mit belegter Stimme: ZUR SALVE FERTIG! - Wir entsichern: Zack.
HOCH HEBT AN! - Wir legen hoch an, etwa in einem Winkel von 60°. Zack. ÄÄÄÄ -SALVE! - Wir nehmen Druckpunkt ....
FEUER!! - Dreißig Gewehre. Ein Knall. Unisono. Wie beim Einsatz des Orchesters von Beethovens Fünfter. Es lässt alle Anwesenden zusammenfahren.
Anerkennend blickt der Major in unsere Richtung, wuchtet dabei seinen Oberkörper zur Seite, als wäre er ab Koppelschloss aus Gips.
DURCHLADEN!- Wir laden durch. Zack-zack.
ZUR SALVE Fertig ...., bis zum letzten Teil des Kommandos läuft alles bestens, doch das ÄAAA vor dem Salve bleibt aus, Leutnant Sauer setzt gleich mit dem S ein und einige drücken ab, nicht geschlossen, einzeln. Der Rest in loser Folge entsprechend der individuellen Nervenkonstitution bzw. Ratlosigkeit. In das Geknatter, einer akustischen Sylvesterfeuerwerksimitation, kommt des frisch ernannten Oberleutnants Sauer heiseres FEUER.
DURCHLADEN! 28 Mann laden durch, zack-zack. Dem stets vorsichtigen Pastorensohn Taut steckt noch die zweite Platzpatrone im Lauf, den er leer macht, ein einsamer höhnischer Nachschlag, ein dünnes Päng irrt über der Szene. Ein zweites einsames Päng kommt vom Kanonier Kunath, dem Schmied, der sich für keinen Zeitpunkt zum Abdrücken hatte entschließen können und versäumt hatte den Sicherheitsbügel nach links umzulegen und jetzt aus Versehen gegen den Abzugshahn kommt. Die Blamage ist da. Unwiderruflich. Nicht zu korrigieren. Sauer, graublass, kommandiert im schrillen Ton eines Kastraten weiter, ZURSALVEFERTIGHOCHHEBTAN ... zum Glück ist das ÄÄÄÄ vor dem Feuer da - Ein einheitlicher Knall aus 30 Gewehren.
Es hört sich an, als mache sich der geglückte Knall sofort auf, hurtig hinab zum Elbtal und in diesem entlang nach Praha und Hamburg gleichzeitig zu rasen.
Das nahezu lotrechte Hochstoßen des Tambourstabes durch den Heeresmusikführers lässt den Schimmel samt Major sofort wieder Männchen machen, ein Lachteufelchen irrt durch die Reihen des Marschblocks.
Wenig zu lachen hatten wir bei der Vergeltung für die Panne, dem Strafexerzieren unter erschwerten Bedingungen, d.h. mit Gasmaske, das wir Zirkus nannten.
gez. Julius Eschka

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